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Die Große Sangha – eine Säule des Inneren Weges

Elina Hildebrandt, Ärztin und langjährige Schülerin von OM C. Parkin, schreibt hier über das Wesen von Gemeinschaft und berichtet über das Treffen der Großen Sangha, zu dem ca. 50 Menschen vom 25.-27. September auf Gut Saunstorf – Ort der Stille zusammen kamen.


Buddha, Dharma, Sangha, die drei Säulen des Inneren Weges. Die Begriffe kommen aus der buddhistischen Tradition: Lehrer, Lehre, Gemeinschaft. Der Wert der ersten beiden erscheint einfacher zu erfassen zu sein. Aber was ist der Wert der Sangha, der Gemeinschaft? Wie geht Sangha?

Das Wochenende Ende September auf Gut Saunstorf - Ort der Stille war dem Treffen der Großen Sangha gewidmet und somit auch genau diesen Fragen.

„Gemeinschaft der Erkennenden“ -  also Menschen, die Schüler des Weges sind und sich auf diesem Weg begleiten und unterstützen. Ein gemeinsamer Nenner, der immer wieder auftauchte, war das Interesse an Wahrheit und Echtheit, sowie auch Widerstände dagegen. Denn es gibt in uns Kräfte, die nicht an der Wahrheit interessiert sind. So sprachen die Menschen auch offen darüber, dass es Widerstände gibt in ihnen, zu den Sanghatreffen zu gehen. Immer wieder ist es ein Nadelöhr, das es zu durchschreiten gilt. Ein Nadelöhr vor den Treffen, was sich dann z.B. in der Schwierigkeit zeigt, den Termin in vollen Terminkalendern unterzubringen oder auch andere Verpflichtungen wie zum Beispiel Kinderbetreuung in dieser Zeit abzugeben. Aber dieses Nadelöhr besteht im Prinzip während des ganzen Treffens der Sangha. Ein Nadelöhr, wirklich zu hören, was mir gesagt wird. Ein Nadelöhr, Unangenehmes auszusprechen und damit nicht zurückzuhalten. Dabei kann eine Unterstützung sein, sich bewusst zu machen, dass ich in der Direktheit wohlwollend bleiben kann. In der Sangha sind nicht nur Menschen, die ich als meine Freunde bezeichnen würde. Aber genau das hilft zu üben, dass alles da sein darf, dass nichts ausgegrenzt und abgespalten werden muss, wie unser Geist das so gerne macht. Die Sangha lehrt so auch einen Umgang damit, sich aneinander zu reiben und sich auseinanderzusetzen.

OM sprach davon, dass die Sangha eine Art Selbstreinigungsmechanismus hat. Wer nicht wirklich bereit ist, zu hören und zu sehen, kommt dann irgendwann nicht mehr.

Die Große Sangha – eine Säule des Inneren Weges

So haben fast alle Teilnehmer des großen Treffens berichtet, dass wenige Menschen zu den örtlichen Sanghas dazu stoßen und wohl noch weniger bleiben. Das scheint ein Ausdruck dessen zu sein, dass es diese Widerstände gibt und dass eben nicht sehr viele Menschen so ernsthaft am inneren Weg interessiert sind, dass sie diese Widerstände überwinden. Im Austausch wurde aber auch deutlich, dass es wichtig ist, sich immer wieder zu überprüfen, ob da eine Komponente unseres Geistes wirksam ist, sich als etwas Besseres zu fühlen und sich abgrenzen zu wollen. Treten wir mit den Erfahrungen, die wir mit dem Lehrer, der Lehre, der Sangha machen, nach außen oder behalten wir es lieber für uns, um besonders zu bleiben oder auch aus Feigheit oder Bequemlichkeit? Es ist nicht immer einfach, in Worten auszudrücken, wenn ich spüre, dass ich jemanden zu einem Sanghatreffen einladen möchte. Aber das Herz weiß, was gesprochen werden möchte, das Herz weiß, wie es sich ausdrücken möchte. Und dann bleibt auch festzuhalten, dass es nicht darum geht, möglichst viele Menschen dazuzugewinnen. Eine große örtliche Sangha ist nicht gleichbedeutend mit einer guten Sangha.

„Eine Sangha ist keine definierte Gruppe in einer definierten Burg, sondern ein lebendiger Austausch. Und es ist auch völlig in Ordnung, dass es einen Kern gibt von Menschen, die öfter kommen, dass es andere Menschen gibt, die hin und wieder kommen und wieder andere, die ganz selten kommen. Das ist natürlich, und es ist das Schlimmste, wenn man versucht, Menschen zu konfrontieren, warum sie nicht öfter kommen. Wenn sie mit ihrer eigenen Unwahrheit konfrontiert werden, wird sich schon zeigen, ob sie näher kommen oder nicht. Aber es ist nicht gut, es ist schon ein Schritt in sektenhaftes Gehabe, wenn man versucht, Menschen über eine äußere Form zu binden. Man muss Menschen an den Punkt bringen, wo sie erkennen, dass die Bindung ihre eigene innere Verpflichtung mit sich selbst ist“ (A Lion`s Letter von 2006: Was ist eine Sangha?)

Was ist denn dann die Qualität einer „guten“ Sangha? Es ist ein Raum von ehrlichem Interesse an mir und an den anderen. Ein Ort und Zeitraum, wo ich mir und anderen wirklich begegnen kann. Ein Ort und Zeitraum, wo ich die Reibungen, die sich in meinem Alltag ergeben, anschauen kann. Wo mir Menschen helfen, meine Anteile zu sehen, wie ich zu diesen Reibungen beitrage. Menschen, die mir wahrhaftige Freunde sind. Und da sind Menschen, die auch darum ringen, das, was sie durch den Lehrer und die Lehre hören und lernen, auch wirklich in dem, was sie ihren Alltag nennen, zu leben. Es ist ein Raum von Herzenswärme und Wahrhaftigkeit.

„Sangha, Gemeinschaft steht für ein spirituelles Gewebe, eine Vernetzung, die der weibliche Aspekt der Seele ist. Die Gemeinschaft ist die Wiederentdeckung der weiblichen Seele. Die weibliche Seele ist die Kraft in dir, die alles miteinander verbindet, die alles miteinander vernetzt und die dich letztlich erkennen lässt, dass alles miteinander verbunden ist. Und eben dieser weibliche Aspekt ist für uns in der westlichen Welt ganz besonders wichtig“ (A Lion`s Letter von 2006: Was ist eine Sangha?)

Die Große Sangha – eine Säule des Inneren Weges

Damit diese Qualitäten gedeihen können, braucht es Verbindlichkeit. Und dennoch ist jeder freiwillig da. Wie kann das zusammen gehen: Freiwilligkeit und Verbindlichkeit? Dazu muss jeder in sich fühlen, wem er folgen möchte. Der Stimme der Bequemlichkeit, oder der Stimme des Innersten? Dem Wunsch, jemand Bedeutendes zu sein, oder dem Wunsch nach wirklichem Wissen? Dem Wunsch, sein eigenes Ding durchzuziehen, oder dem Wunsch das zu sein, wofür das Leben mich vorgesehen hat und auch herauszufinden, was das ist?

Auf jeden Fall wird es in Verbindlichkeit heiß. „Binde dich und das Feuer kommt von allein.“ Und dennoch ist jeder frei, diese Verbindlichkeit zu sich selbst einzugehen. Du kannst dich auch weiterhin mit allem möglichen Krimskrams beschäftigen. Aber da gibt es im Menschen eine Sehnsucht nach Sehen und Erkenntnis. Und jeder, der dieses in sich fühlt, ist in der Sangha herzlich willkommen und kann dieses Feld für sich nutzen. Allein in einem Feld von Menschen zu sitzen, die an Wahrheit interessiert sind, öffnet in mir das innere Sehen. Da muss noch nichts von einem anderen angesprochen werden.

„Der Lehrer ist immer anwesend. Die Frage ist nur, in welcher Feldstärke er anwesend ist. (…) Eine Sangha ist eine Gesellschaft, die das vollkommene Potential von Erleuchtung anstrebt. Wenn die Bereitschaft vollständig ist, geschieht die Gnade von Verwandlung. Und was vormals unrein schien, scheint plötzlich in Klarheit und Reinheit. Ihr wisst selbst, was für einen Unterschied es macht, mit welchen Menschen ihr euch aufhaltet, welcher Art das Umfeld ist, in dem ihr euch aufhaltet. Denn das Umfeld ist immer eine bestimmte Nahrung für die Seele. Und ein Mensch, der in einem Zustand - im normalen Zustand - von Dumpfheit und Unbewusstheit lebt, der sich entsprechend unbewusst ernährt, der nimmt ein ständiges Gift zu sich: durch Formen von Verletzungen, von Gewalt, von Respektlosigkeit, die in dem Umfeld reflektiert werden. Natürlich ist das Umfeld immer das, was der Mensch unbewusst oder halbbewusst aufsucht. Und es reflektieren sich dort seine eigenen Tendenzen, seine Unreinheiten und seine eigenen Süchte. Doch wenn ein Mensch sich dem Ende des Leidens des Ich und entsprechend auch dem Ende der Welt widmet, dann beginnt er ein Verständnis dafür zu gewinnen, was es bedeutet, den rechten Umgang zu haben. Und er wird beginnen zu unterscheiden und entsprechend einen vergiftenden Umgang meiden. (…) In eine Sangha einzutreten ist ein Geschenk des Selbst an die authentische Bereitschaft des Suchenden, und dieses Geschenk ist von größter Unterstützung für den inneren Prozess des Suchenden. Dieser innere Prozess besteht darin, wie ich vorhin sagte, den Staub von dem inneren Spiegel zu blasen und nur noch das SELBST zu sehen.“ Interview mit OM , www.sanghaseite.de

Sangha ist, wie anfangs erwähnt, ein Begriff aus der buddhistischen Tradition. Dennoch ist es ein Begriff, der auf eine zeitlose, generationenübergreifende Weisheit deutet. Gemeint ist die Philosophia perennis, die Ewige Philosophie. Dieser Begriff wurde im 16. Jahrhundert geprägt. Er beschreibt, „dass Grundwahrheiten in allen Kulturen und zu allen Zeiten vorhanden sind und eine Wissenschaft aus dem einen Prinzip (Gott) ausmachen.“ Am Wochenende sprach OM darüber, dass der Begriff Sangha, Gemeinschaft der Erkennenden, in der christlichen Tradition der Urkirche entspricht. Westliche Menschen sollten wieder Kontakt aufnehmen zum geistigen Prinzip der Urkirche. Damit verwurzeln sie sich mit dem Geburtsgrund dieses Organismus, damit verbinden sie sich mit einer Urkraft aus der eigenen Kultur. Dadurch kann eine große Kraft aus der Tiefe aufsteigen.

Die Traditionen vernetzen sich und vereinigen sich. In diesen Prozess ist auch Gut Saunstorf eingebunden, ein Ort an dem sich westliche und östliche Weisheit begegnen, einem Ort der Vereinigungslehre. Und so ist es nur natürlich, dass auch die Vernetzung der örtlichen Sanghas sich zur Großen Sangha entwickelt. Und so war dieses Treffen der Großen Sangha gerade auf Gut Saunstorf ein kraftvoller Beitrag für diesen Prozess.

Elina Hildebrandt, 2016
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