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Die Innere Schule

Der innere Lehrer OM C. Parkin im Gespräch mit Schülern 

Das Interview wurde von den Lehrern der Enneallionce - School for Inner Work Im Juni 2013 auf Gut Saunstorf - Ort der Stille durchgeführt.

OM, wir möchten gerne mit dir über die „Innere Schule“ sprechen. Wenn wir Innere Schule sagen, dann setzen wir voraus, dass es auch eine äußere Schule gibt. Was unterscheidet die Innere Schule von einer äußeren Schule?

Die Weisheitslehre unterteilt den menschlichen Werdegang, die menschliche Entwicklung grundlegend in zwei Phasen: den evolutiven Bogen und den involutiven Bogen. Ananda Coomaraswamy, ein zeitgenössischer Gelehrter aus Sri Lanka (†1947) nannte sie die Auswärtskrümmung und die Einwärtskrümmung. Das sind verschiedene Begrifflichkeiten, die diese beiden grundlegenden Wegstrecken menschlicher Evolution beschreiben. Dieser 2. Teil der Wegstrecke, die eigentliche Frucht menschlicher Entwicklung, wird von der großen Masse der Menschen gar nicht erreicht. Die hinduistische spirituelle Lehre unterteilt 4 klassische Phasen menschlichen Lebens: 1. Die erste Phase ist die Hauptphase des Lernens, das Leben des Schülers: Das studentische Leben (brahmacharya) 2. Dann gründet der Mensch eine Familie und expandiert in die äußere Welt: Das Familienleben (grihastha) 3. Es folgt das Leben des „Vor-Rückzugs“ engl. pre-retreat, das Leben in Abgeschiedenheit (vanaprastha) 4. Die letzte Stufe und gleichsam die Frucht menschlichen Lebens auf Erden ist das Leben der vollständigen Entsagung, der Rückzug vom Kampf des Lebens, das Leben in Freiheit (sannyas)1.  1. und 2. Phase entsprechen der Auswärtskrümmung, während 3. und 4. die Wandlung, die Umkehr in die Einwärtskrümmung beschreiben. Diese Phasen sind innere Repräsentanzen, denn jeder Phase ist eine bestimmte Ent-Wicklungsstufe menschlichen Bewusstseins zugeordnet, wobei jeder Stufe die hierarchisch übergeordneten nicht zugänglich sind. Das Leben eines gewöhnlichen Menschen endet mit der 2. Phase.   

In die äußere Schule (1. Phase der Auswärtskrümmung) gehen zumindest in unserer Kultur praktisch alle Menschen und in eine Innere Schule gehen sehr wenige Menschen, denn sie existiert nicht, bevor das individuelle Bewusstsein nicht den Drehpunkt erreicht, an dem sich die Ausrichtung des Bewusstseins umkehrt. Um es mit einem Bild zu beschreiben: Dieser Drehpunkt wirkt ab einem bestimmten Reifungsgrad der Frucht. Die meisten Früchte erreichen diesen Reifungsgrad nicht, sie fallen unreif vom Baum, weil es Bedingungen gab, welche diese Reifung nicht zuließen, z.B. zu viel Wind. Diese „widrigen Umstände“ sind freilich nicht äußerer Natur, sondern bestehen aus aktiven Gegenbewegungen des denkenden Ichs, des Geistes.

Die lineare Vorstellung streng abgegrenzt aufeinander folgender Phasen ist sicherlich begrenzt, dennoch gibt es einen Bezug zum äußeren Lebensalter. Deshalb sind Schüler einer Inneren Schule erfahrungsgemäß durchschnittlich vierzig bis fünfzig Jahre alt. Es gibt diese Unterteilung von äußeren und inneren Schulen auch in anderen Disziplinen, beispielsweise in der Kampfkunst. Da spricht man auch von inneren Schulen und meint damit Schulen, die mehr auf die inneren Aspekte der Kampfkunst ausgerichtet sind. Sie sind auch weniger expressiv, weicher -  man könnte auch sagen weiblicher - in ihren Bewegungen, weniger explosiv, mehr implosiv, weniger expressiv, mehr impressiv. Streng genommen hat eigentlich jede Disziplin einen inneren und einen äußeren Aspekt, einen exoterischen und einen esoterischen, einen nach Außen gewendeten und einen nach Innen gewendeten Aspekt. So wie jede Religion, oder spirituelle Lehre im umfassenden Sinne. So hat jede Innere Schule auch expressive Momente, aber sie betont in jedem Fall die Innenkehr und damit die Wendung auf das, was die Welt im Innersten zusammenhält. 

Du sprichst ja im Zusammenhang mit der Inneren Schule von einer inneren Schulung. Kannst du was dazu sagen, wer geschult wird und was da geschult wird? Was ist gemeint mit innerer Schulung?

Eine Schule besucht der Mensch, um zu lernen. Das ist die verbreitete Auffassung, das verbreitete Verständnis, und das trifft auf äußere Schulen auch zu. Ich habe eben in der ersten Antwort schon angedeutet, dass sich in Inneren Schulen eine Umkehrung vollzieht. Somit besteht die Schulung der Inneren Schule auch nicht  primär aus einem Lernprozess, sondern vielmehr aus einem Ver-Lernprozess.

Die Schulung geschieht nicht so, wie der Verstand des Menschen sich das vorstellt: dass er Wissen (aus zweiter Hand) ansammelt, um dann bei einem finalen und vollständigen All-Wissen anzulangen, dass er also vollgestopft mit Wissen das Ende des Weges erreicht. Es mag für den linear denkenden Sinnsuchenden auf den ersten Blick etwas bizarr klingen, wenn ich ihm sage, die innere Schulung bestünde letztlich darin, all das wieder zu verlernen, was er in der ersten Phase mühsam erlernt hat: von Vätern, Müttern, aus dem Kollektiv. Ich vergleiche die beiden Schulungswege der äußeren und der inneren Schulung mit dem „Projekt Sandburg“. In der ersten Phase lernen wir, eine Sandburg am Strand zu bauen. In der zweiten Phase lernen wir, geschehen zu lassen, wie sich das Meer die Sandburg wiederholt. Für einen Rationalisten ergeben solche Beschreibungen wahrlich keinen Sinn, während der konsequente Geher des inneren, des Erfahrungsweges dieses Paradoxon am Ende mühelos verdaut.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das, was ich in der Inneren Schule als Schulung erfahre, vor allem eine Schulung des inneren Sehens ist. 

In der christlichen Mystik werden Drei Augen der Erkenntnis und mit ihnen drei Arten des Sehens unterschieden: 1. Das Sehen mittels des äußeren Lichtes. Dies ist das Auge des Fleisches. Es sieht nur die Objekte der Sinne. 2. Das Sehen mittels des inneren Lichtes. Dies ist das Auge des Geistes. Es sieht die Objekte des Geistes, innere Objekte, die allerdings auch äußerlich (nach dem Prinzip eines Filmprojektors) erscheinen können. 3. Das Sehen mittels des transzendenten Lichtes. Dies ist das Auge der Kontemplation. Es sieht DAS-WAS-IST. Hindurch durch alles, was erscheint. Den Urgrund allen SEINS. 

Das erste Auge zu öffnen, dafür braucht es keine innere Schulung, keine bewussten Bemühungen des inneren Weges. Die Evolution hat es in der ersten Phase der Auswärtskrümmung geöffnet, ohne dass dieser Ich-Geist auch nur den kleinen Finger gekrümmt hätte. Die innere Schulung öffnet das zweite Auge, das Auge des Geistes. Durch das, was ich die Praxis der kleinen Selbsterforschung nenne. Die Öffnung des dritten Auges, das ist die hohe innere Schule, die große Selbsterforschung.  

Vereinfacht könnte man sagen, dem Lernprozess während der Auswärtskrümmung folgt der Ver-Lernprozess der Einwärtskrümmung. Der Ver-Lernprozess öffnet die höheren Augen. Dennoch hat eine Innere Schule natürlich auch Aspekte der Schulung, Aspekte des Lernens, welche dem Ver-Lernprozess dienen. Dazu passt das von Ramana Maharshi verwendete Bild des Steckens, der benutzt wird, um das Feuer zu schüren, nur um letztlich selbst im Feuer zu verbrennen. Es wird in einer Inneren Schule auch Wissen vermittelt, es werden Handwerkszeuge der inneren Praxis vermittelt und dazu zählt eine Schulung der Aufmerksamkeit, die Neuorganisation der gesamten Aufmerksamkeit des Menschen, weil wir  immer nur das wahrnehmen, was unsere Aufmerksamkeit zulässt. Und weil überhaupt die Welt ja eine Folge der Organisation unserer Aufmerksamkeit ist. Wenn sich die Aufmerksamkeit umorganisiert, organisiert sich auch die Welt um.

Mich interessiert an dem Punkt der Schüler. Braucht ein Schüler eine Voraussetzung, um überhaupt bereit zu sein für das Ver-Lernen? Ver-Lernen hört sich für mich auch wie ein Verlust an von etwas, das vielleicht schon dagewesen ist. 

Die erste Lebensphase, um das nochmal im Kontext dieser ersten Frage zu beantworten, die erste Lebensphase ist ausschließlich auf Gewinn aus. Also in der ersten Lebensphase, die ich  in anderen Zusammenhängen auch als die Phase der Selbstbehauptung bezeichne, ist dieses Ich des Menschen eigentlich ausschließlich auf Gewinn aus. In dieser Phase der ausschließlichen Ausrichtung auf Gewinn, also auf das vermeintlich Positive, die ja auch ein klassisches Merkmal jeglicher exoterischer Religion, einer jeden Glaubensreligion ist, gibt es  keine Wertschätzung für den Verlust, der ausschließlich negativ belegt ist. Jeglicher Verlust ist weitgehend bedrohlich, denn Verlust bedeutet ja in letzter Konsequenz Tod. So spielt die Kraft des Todes in dieser zweiten umgekehrten Phase eine entscheidende Rolle. Und natürlich braucht es eine gewisse Reife der Seele, um den Tod nicht als die größte Bedrohung des Menschen zu verstehen, sondern als den Befreier, nicht zu verwechseln mit dem unfreiwilligen körperlichen Tod, dem jeder Mensch ausgesetzt ist. Ich spreche hier von dem Tod als der Kraft, die das Potenzial in sich trägt, sterben zu lassen, was nicht wahr ist, sterben zu lassen, was nicht real ist. All das sterben zu lassen, was den Menschen daran hindert zu sehen, wer er wirklich ist. 

Welche Rolle spielt die Beziehung, die ein Schüler zu dir hat, auch die Anziehung zu dir? Ist das eine tragende Rolle, um überhaupt Schüler der Schule sein zu können?

Die Anziehung zu mir ist ja nicht ganz so eindeutig. Sie ist ambivalent. Wenn ein Schüler eine tiefe Anziehung zur Seele hat, dann hat er auch eine Anziehung zu mir. Das heißt nicht, dass er nicht auch eine Abstoßung zu mir hat, weil es in ihm nicht nur eine Anziehung zur Seele gibt, sondern auch eine Abstoßung.  Dieses innere Ringen mit diesen gegenläufigen Kräften im Innern macht ja ein Großteil des inneren Weges des Menschen aus. Schüler haben niemals eine ausschließliche Anziehung zu einem Lehrer, der unpersönlicher Natur ist, sie haben immer auch eine Abstoßung. Ein Lehrer, dem Schüler nicht auch weglaufen, kann kein Meister sein. Aber sagen wir mal, wenn die Anziehung größer ist als die Abstoßung, dann kann eine Vertrauensbeziehung reifen. Bei vielen Menschen ist ganz sicher die Abstoßung zunächst wesentlich größer. Das sind die Menschen, die den inneren Ruf nicht hören, wie Papaji es immer genannt hat: „They don’t hear the wake up call.“

Die Beziehung zum Lehrer ist in Wahrheit eine Beziehung zum Selbst. Es ist in der peripheren Überlagerung jedoch eine Beziehung zum eigenen Geist. Und wir wissen, dass die Beziehung zum eigenen Geist sich wohl zu verschleiern weiß. Ein wesentliches Merkmal dieser Verschleierung nennt sich Projektion, was impliziert, dass die Menschen nicht vollständig sehen und wissen, dass das, was sie sehen, ihr eigener Geist ist. Daran müssen sie sich dann abarbeiten. Vor wenigen Tagen sagte mir jemand im Darshan, er würde in mir die Vaterfigur sehen und die männliche Autorität. Ich habe dann geantwortet, das sei in Ordnung, wenn er das in mir sieht. Ich bin zwar nicht männlich, ich bin auch nicht weiblich, aber das Männliche und das Weibliche sind sicherlich in mir. Und wenn er erstmal diesen Aspekt der Form sieht, dann kann es sein, dass er sich darin zuerst innerhalb seiner geistigen Welt abarbeiten muss, um dann alles durchdringen zu können. Um in das vorzustoßen, was jenseits einer Vaterfigur (oder einer Mutterfigur) ist. Selbst jenseits von Gottvater und der göttlichen Mutter. Erfahrungsgemäß verbringen die meisten Schüler des Weges geraume Zeit damit, sich  an der eigenen Vater- oder Mutterfigur abzuarbeiten, was nicht nur negative Aspekte hat, sondern was wir auch verstehen müssen als einen notwendigen Bestandteil des Weges.2 

Auch wenn es ums Ver-Lernen geht, gibt es ja doch in einer Inneren Schule bestimmte Lehrmethoden oder Lerninhalte. Du sprichst von Innerer Arbeit. Wie sieht diese Arbeit denn aus in der Inneren Schule?

Der Begriff Innere Arbeit ist im weitesten Sinne ein Synonym für innere Praxis, für Sadhana. Das heißt, der Begriff Innere Arbeit bezieht sich nicht auf bestimmte Praktiken, hat streng genommen nicht mal einen kulturellen Kontext. Man könnte alle Formen des Sadhana, die in östlichen spirituellen Kulturen praktiziert werden auch als Innere Arbeit bezeichnen. Ich würde sagen, dass ein Großteil der Inneren Arbeit, wie er in dieser Schule praktiziert wird, sich aus der sogenannten kleinen Selbsterforschung zusammensetzt. Die kleine Selbsterforschung ist, vereinfacht ausgedrückt, das Sehen und Erforschen innerer Welten. Innere Welten, die von einer Entität geschaffen werden, die wir den denkenden Geist nennen. Diese Welt trennen zu können von inneren Welten, die nicht künstlicher Natur sind,  nicht von dieser Ichhaften Instanz, die wir den denkenden Geist nennen, produziert werden, sondern vom Sein selbst, das ist Unterscheidungskraft, eine der wesentlichsten Tugenden des inneren Weges. Für einen gewöhnlichen Menschen existiert diese Unterscheidung gar nicht. Er nennt einfach alles, was sich in seinem Innern manifestiert „Ich“. Das ist dann mein Gedanke, es ist mein Gefühl, es ist mein Selbstbild, es ist mein Name, es ist mein Körper usw. Es ist alles meins. Weder gibt es die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich, noch existiert ein Wissen darüber, auf wen sich all diese inneren Objekte beziehen. Also wer das Subjekt ist.

Das Enneagramm spielt ja eine große Rolle in dieser Selbsterforschung und dient offensichtlich auch der Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem, was Ich ist und dem, was nicht Ich ist. Kannst du dazu noch etwas sagen, welche Rolle das genau spielt, dieses System des Enneagramms?

Ja, das Enneagramm spielt als Grundgerüst in dieser Schule eine Rolle, in einer anderen Schule vielleicht nicht. Eine andere Schule könnte metaphysische  Konzepte anderer Traditionen, z.B. kabbalistisches Wissen oder andere Formen der metaphysischen Lehren benutzen. Mir ist das Enneagramm vermittelt worden als eine Kosmologie, die, angewendet auf das menschliche Bewusstsein, eine hohe Trennschärfe ermöglicht zwischen diesen beiden Instanzen, die ich eben beschrieben habe. Einerseits beschreibt das Enneagramm der Charakterfixierungen das Nicht-Ich sehr präzise, vor allen Dingen die verborgenen Organisationsstrukturen dieses Nicht-Ichs, welche unter der Oberfläche, sprich unterhalb des Tagesbewusstseins liegen. Anderseits beschreibt das Enneagramm aber auch seelische Strukturen, seelische Merkmale. Es gibt also Enneagramme, die sich auf das Nicht-Ich beziehen (die subjektiven Enneagramme) und es gibt Enneagramme, die sich auf das wahre Ich beziehen (die objektiven Enneagramme). Prinzipiell handelt es sich um eine innere Landkarte, welche als Wegweiser und als Orientierung für die kleine Selbsterforschung von großer Bedeutung ist.

Du beschreibst das jetzt so, dass in den Methoden der Schule auch das, was du zum Beispiel gelernt hast, zum Tragen kommt, sodass du der Schule auch eine Geschmacksnote, eine Färbung gibst. Ist das so?

Diese Form des Lehrers gibt der Inneren Schule eine Färbung, ja. Die Färbung, welche durch die persönliche Form und ihre ganz spezielle Melange zustande kommt. Keine Verzerrung, aber eine Färbung. Um den Unterschied deutlich zu machen, nehmen wir folgendes Bild: Beschreiben wir die persönliche, menschliche Form als den speziellen Schliff eines Diamanten, so wird dieser Schliff das Licht, welches ihn durchdringt, in bestimmten Spektralfarben wiedergeben. Ein Schliff betont das Blau, ein anderer eher das Rot. Das ist mit Färbung gemeint. Verzerrung geschieht durch Eintrübung des Diamanten, welche in zwei grundlegenden Formen auftritt: Verblendung und Verdunkelung des Bewusstseins durch Einwirkung des Geistes. 

Du wirst ja auch als Advaita-Lehrer bezeichnet, gibt es eine bestimmte Lehre, der du folgst, die du vermittelst?

Ich bin dazu übergegangen, diese Lehre als die Ewige Philosophie zu bezeichnen, von einem italienischen Bischof des 16. Jahrhunderts als „diejenigen Grundwahrheiten [bezeichnet], die bei allen Völkern zu allen Zeiten vorhanden sein und zusammen die eine Wissenschaft aus dem einen Prinzip (Gott) ausmachen sollen“. Es kann keinen Unterschied geben zwischen der advaita-Lehre, die ich ohnehin nicht mehr allein im östlichen Kontext verstehe, der Mystik, gleich im Mantel welcher religiösen Kultur sie entsteht und der Philosophia Perennis. Das sind letztlich nur Begrifflichkeiten, die einen etwas anderen Geschmack haben, aber die dasselbe aus einem veränderten Blickwinkel betrachten. Ich könnte sagen, der Kern von Religion verstanden als der nach innen gewandte Weg, der Weg der Rückbindung,  die bewusste Rückbindung an das ewige Selbst des Menschen. Die Lehre ist dieselbe, die Vermittlungsformen können sich sehr unterscheiden und deswegen betone ich nicht das Handwerkszeug, betone ich nicht den Finger, der zum Mond zeigt, sondern den Mond. Die Ewige Philosophie geht davon aus, dass es Grundwahrheiten ewigen Daseins gibt, die zu allen Zeiten und an allen Orten von Menschen gefunden werden können, die eine bestimmte innere Tiefe berührt haben. Das heißt die Grundwahrheiten sind dieselben, sie lassen sich immer wieder neu bestätigen, was ja ein Aspekt von Wissenschaft ist, egal wo, egal an welchen Ort, egal zu welcher Zeit. Nur die Wege, wie die verschiedenen Weisheitstraditionen dorthin finden, mögen sich unterscheiden.

Wenn ich das richtig verstehe, ist die Bezeichnung „Advaita-Lehrer“ überhaupt nicht wesentlich. Es könnte  auch ein Sufi Lehrer sein, es könnte ein Zen Lehrer sein, das sind nur Variationen, das Entscheidende ist dasselbe.

Ich kann dir ein Beispiel geben: Papaji, der ja der Lehrer meiner Lehrerin war, war mit Sicherheit im strengen Sinne ein Advaita-Lehrer, doch er wurde und wird von vielen auch als Zen Lehrer bezeichnet. 

Wir haben von Innerer Schule gesprochen. Ein Begriff, der sich damit möglicherweise deckt, ist die Mysterienschule. Es gibt sie seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen seit Jahrtausenden, mit sehr langer Tradition und Weitergabe der   Lehrbefugnis von einer Generation an die nächste. Was bewegte dich, eine Mysterienschule zu begründen und ihr als Lehrer zu dienen?

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass es einen Gründungstag gab, an dem ich diese Schule nach langer vorausgegangener Planung gründete. Sondern die Entstehung der Mysterienschule glich der Heranreifung einer Frucht innerhalb eines unpersönlichen, spirituellen Prozesses. Sie hatte Vorformen der Lehre. Diese Formen haben sich dann immer weiter entwickelt. Man muss sich das vorstellen wie ein Puzzle: Das erste Puzzlestück wurde gesetzt, dann das zweite und langsam entstand ein Bild. Das Puzzle setzte sich zusammen. Das Puzzle bestand schon vorher in einem Gedächtnis, das nicht persönlicher Natur ist. Du kennst sicherlich den Begriff der Akasha Chronik, es gibt andere Begriffe z.B. von Wissenschaftlern wie Rupert Sheldrake, der von morphischen Feldern spricht. Das sind alles Versuche der Annäherung an ein unpersönliches, bereits bestehendes Gedächtnis, in dem All-Wissen bereits existiert, das heißt, es wird in dem Sinne nicht von einer Person, von einem Gehirn oder von einem persönlichen Denker zusammengesetzt, sondern es wird gefunden und übersetzt. 

Dieses Puzzle ist also ein komplexeres Gemälde, das bereits existiert und der Reifungsprozess, der Vertiefungsprozess, der Annäherungsprozess - wie du ihn auch nennen möchtest - war dieser Werdegang, der dieses Bild, dieses Gemälde langsam zusammensetzte. Es gibt streng genommen ja kein vollständiges, feststehendes Bild, vielmehr handelt es sich um einen nie endenden Wandlungsprozess. Dennoch gibt es natürlich eine Phase, in der das ganze Bild erkennbar wird, auch dann, wenn noch bestimmte einzelne Puzzlestücke fehlen. Das Wesentliche hat sich zusammengesetzt, es fehlt noch hier und da ein Stück von den Details der Landschaft, aber das Wesentliche, die zentralen Elemente und die Große Ordnung, die sie bilden, sind sichtbar. 

So war die Gründung der Schule lediglich die natürliche Konsequenz innerhalb eines noch andauernden Entfaltungsprozesses. Ich habe nicht entschieden, eine Schule zu gründen, sondern es geschah so. Man kann erst dann von einer Schule sprechen, wenn die Lehre eine gewisse Abrundung erfahren hat. Man kann nicht eine Schule gründen und dann geht das nur bis zur zweiten Klasse. Eine gewisse Vollendung muss irgendwo erreicht sein, ein Bogen muss sich geschlossen haben, sonst kann man es keine Schule nennen. Sonst müssten wir von der Vermittlung einzelner Disziplinen sprechen. So wie der ganze Markt der sogenannten Esoterik ja gefüllt ist mit einzelnen Methoden und Disziplinen und Ausschnitts-Elementen eines größeren Puzzles.

Nun hat ja auch eine Innere Schule eine äußere Form und eine gewisse äußere Organisation und auch einen äußeren Ort, wo sie stattfindet. Zunächst mal möchte ich gerne wissen, wie es dazu gekommen ist, dass es verschiedene Kreise gegeben hat, einen äußeren und einen inneren Kreis und was da Unterschiedliches gelehrt wird oder geschult wird?

In der äußeren, weltlichen Schule gibt es auch verschiedene Klassen, welche Lehrstufen entsprechen, die alle aufeinander aufbauen. Wenn ich nicht zunächst schreiben gelernt habe, brauche ich nicht an einem Deutschunterricht teilnehmen, geschweige denn an einem Englischunterricht. In der Mysterienschule gibt es einen äußeren  und einen inneren Kreis und der innere baut auf das Wissen des äußeren auf. Nur wenn ein Schüler schon verschiedenste Schulungen erfahren hat, welche den äußeren Kreis ersetzen, ist es sinnvoll, ihn zu überspringen. Innerhalb des inneren Kreises ist es ähnlich: Spätere Treffen bauen auf früheren auf.

Man könnte den äußeren Kreis auch als die Innere Schule bezeichnen und den inneren Kreis als die Innerste. Die gesamte kleine Selbsterforschung - zunächst ein wesentliches Element Innerer Arbeit - bezieht sich nicht auf die innerste Lehre, sie ist eine Heranführung an die innerste Lehre.

Die esoterischen Aspekte des Weges sind die innersten im Kern und es entspricht dem Wesen dieser Schulung, dass die Menschen von der Peripherie zum Kern begleitet werden. Viele wenden sich vorher ab, oder halten erstmal an, um sich auszuruhen und noch eine Runde zu drehen oder was auch immer. Jeder hat seinen Rhythmus. Auf jeden Fall handelt es sich um eine Wegführung, die vom Äußeren zum Inneren, und vom Inneren zum Innersten führt.

Und gibt es auch eine Art von Abschluss?

Das habe ich schon im Bild des Puzzles angedeutet, es gibt streng genommen kein vollendetes Puzzle, die einfache Metapher greift hier zu kurz. Es gibt ein Puzzle, das sich der Vollendung annähert. Ich nenne das Paradoxon: „die Vervollkommnung der Vollkommenheit“. Sie hört nicht auf.

Der Anfänger des Weges arbeitet auf ein Ziel hin und stellt sich vor, dass Erleuchtung in der Zukunft liegt, Vollendung, Perfektion, Allwissenheit -  was immer er auch darunter versteht und hat keine wirkliche Einsicht in dieses Koan „Der Weg ist das Ziel“. Viele haben das gehört, aber die Dimension dieses einfachen Koans ist wirklich gewaltig und hat Konsequenzen auf die grundlegende Haltung der Menschen zu jeder Form der inneren Praxis. Ich habe in dem Buch Intelligenz des Erwachens eine Zen Meisterin zitiert, die in ihrem Buch beschrieb, wie sie die Praxis des Zazen begann und wie sich ihre Haltung im Laufe der Praxis veränderte. Zuerst saß sie, um etwas zu erreichen. Sie saß, um stiller zu werden. Sie saß um den Geist zu beruhigen. Dann beschrieb sie, wie sich die Praxis des Zazen dahingehend wandelte, dass sie saß, um zu sitzen. Aber das ist nichts, was der denkende Geist des Menschen verstehen oder nachvollziehen kann. „Ich sitze, um zu sitzen.“ Jemand der so spricht, der hat den paradoxen Weg betreten, in dem es alles und nichts zu erreichen gibt und der Weg zu Ende ist, obwohl er nicht zu Ende ist. Die seelische Intelligenz des Menschen ist in der Lage, das zu erfassen, der denkende Verstand des Menschen ist nicht in der Lage das zu erfassen. Der Verstand beginnt mit der inneren Praxis entsprechend linear ausgerichtet auf einem linearen Förderungs- und Entwicklungsweg. Erst kommen Fortschritte. Dann kommen Rückschläge. Dann kommen schwierige Zeiten und wer die auch noch zu durchwandern vermag, der erreicht diese Sphäre, in der sich der bisherige Weg mit all den Fort- und Rückschritten  beginnt aufzulösen. Dann ist es nicht mehr Angelegenheit des Ichs, wann wie wo welche Praxis praktiziert wird, es ist dann alles nur noch Angelegenheit des Seins. Da ist auch niemand mehr da, der sagen kann oder will: „ Ich höre jetzt auf mit der Praxis, was soll das, macht doch gar keinen Sinn…“, oder „Ich habe es nicht mehr nötig“ oder Ähnliches. Das sind alles recht unbedarfte Vorstellungen aus der denkenden Ich-Welt, in der dieses Ich noch glaubt, einen Eigenwillen und dementsprechend Alternativen zu haben. Alternativen zu der Selbstentfaltung, welche die Bestimmung vorsieht und wie sie sie vorsieht. 

Die Vervollkommnung der Vollkommenheit hat ein Ende und hat kein Ende. Deshalb kann es in einer inneren Schule keinen Abschluss geben. Der „Abschluss“ ist der endlose Fall in die innere Tiefe. Der Eigenwille will ein Ende setzen, er hat schließlich auch den Anfang gesetzt. Und will nicht einsehen, dass er zwar den Anfang setzen konnte, nicht jedoch das Ende. 

Eine Frage habe ich noch, die vielleicht äußerlich ist, aber vielleicht auch einen inneren Kern hat. Die Mysterienschule, also die Schüler mit dir als Lehrer sind über viele Jahre von einem Ort zum anderen gezogen, in verschiedenen angemieteten Häusern zu Gast gewesen. Die Schule hat jetzt einen Ort gefunden, ich würde sogar sagen, eine Heimat in Gut Saunstorf, das wir ja Ort der Stille nennen. Hat das eine Bedeutung, die vielleicht sogar symbolischer Natur ist?

Ich habe das in einem Prozess der Manifestation als natürliche Konsequenz empfunden. Ebenso wie sich die Schule gegründet hat - zunächst in der geistigen Welt, dann abgestiegen in die materielle Welt -, hat sich dann als nächster Schritt der äußere Ort der Schule angeboten. Es ist in meiner Perspektive nichts anderes als ein fließender Prozess der Schöpfung aus der geistigen Welt bis hinein in die materielle Welt gewesen (und ist es immer noch). Und als Konsequenz in der materiellen Welt hat die Schule, die ja einen geistigen Ort bereits  hatte, nun auch einen materiellen Ort, eine Heimat in der äußeren Welt. Das ist ja eigentlich nichts Ungewöhnliches, sondern ganz natürlich.

Eine letzte Frage habe ich noch: Siehst du eine Art Verpflichtung, Menschen das letzte Wissen zu lehren?

Nein. Es gibt keine moralische, oder sonstwie geartete Verpflichtung. So wie das Bodhisattva Gelübde: Ein Lehrer fühlt die Pflicht, aus Mitgefühl andere Menschen in die Freiheit zu begleiten. Zu übertragen, was ihm übertragen wurde. Das begrenzte Verstehen so eines Gelübdes ruht auf der Vorstellung eines Jemand, der überhaupt in der Lage sei, ein derartiges Bekenntnis abzulegen. Die Wahrheit ist: Es geschieht einfach. Es geschieht eben oder es geschieht auch nicht. Wer kann das sagen? 

 

1.Spirituelles Wörterbuch Sanskrit – Deutsch; R. Roloff; S. 138

2. S. dazu auch: Die drei Phasen der Schüler-Lehrer-Beziehung in Intelligenz des Erwachens S. 368 - 375

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