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Die Sangha ist ein Geschenk

Auszug aus A Lions Letter

Frage: Kannst du uns sagen, was die Qualitäten einer Sangha sind. Wodurch zeichnet sie sich aus?

OM: Was siehst du in einem verstaubten Spiegel?

Frage: Staub.

OM: Genau. Und in der Sangha befindet sich eine Gruppe von Menschen, die der Reinigung und Polierung dieses Spiegels ihr Leben gewidmet haben, so daß du, so daß jeder, der zunächst einen Spiegel braucht, um sich an sich selbst zu erinnern, in einen reinen und klaren Spiegel sehen kann. Hier spiegelt sich das, was schaut und nicht die Reflexion des Staubes, der sich auf diesem Spiegel angesammelt hat. Du schaust ständig in Spiegel, das ist ja deine Beziehung zwischen dem, was dir zunächst als innen erscheint, und dem was außen ist. Und je reiner, je klarer die Spiegelung ist, in die du schauen kannst, desto wertvoller die Spiegelung, desto größer das Potential an Erkenntnis.

Frage: Welche Rolle spielt dabei der Lehrer – der physisch anwesende Lehrer?

OM: Der Lehrer ist immer anwesend. Die Frage ist nur, in welcher Feldstärke er anwesend ist. Wenn du das Bild des verstaubten Spiegels nimmst, dann weißt du, daß bei einem normalen menschlichen Organismus nicht viel übrig geblieben ist von dieser Feldstärke. Er hat sich so mit Staub vollgesetzt, daß eigentlich nur Staub reflektiert wird und nicht mehr der Lehrer, nicht mehr das Eine. Eine Sangha ist eine Gesellschaft, die das vollkommene Potential von Erleuchtung anstrebt. Wenn die Bereitschaft vollständig ist, geschieht die Gnade von Verwandlung. Und was vormals unrein schien, scheint plötzlich in Klarheit und Reinheit.

Ihr wißt selbst, was für einen Unterschied es macht, mit welchen Menschen ihr euch aufhaltet, welcher Art das Umfeld ist, in dem ihr euch aufhaltet. Denn das Umfeld ist immer eine bestimmte Nahrung für die Seele. Und ein Mensch, der in einem Zustand - im normalen Zustand - von Dumpfheit und Unbewußtheit lebt, der sich entsprechend unbewußt ernährt, der nimmt ein ständiges Gift zu sich: durch Formen von Verletzungen, von Gewalt, von Respektlosigkeit, die in dem Umfeld reflektiert werden. Natürlich ist das Umfeld immer das, was der Mensch unbewußt oder halbbewußt aufsucht. Und es reflektieren sich dort seine eigenen Tendenzen, seine Unreinheiten und seine eigenen Süchte. Doch wenn ein Mensch sich dem Ende des Leidens des Ich und entsprechend auch dem Ende der Welt widmet, dann beginnt er ein Verständnis dafür zu gewinnen, was es bedeutet, den rechten Umgang zu haben. Und er wird beginnen zu unterscheiden und entsprechend einen vergiftenden Umgang meiden. In so einer Phase des Lebens eines spirituell Suchenden entstehen häufig sehr starke Umbrüche und Menschen verlassen alte Freunde, Bekannte und stehen möglicherweise zunächst einmal alleine da, weil es die Sangha für sie noch nicht gibt. In eine Sangha einzutreten ist ein Geschenk des Selbst an die authentische Bereitschaft des Suchenden, und dieses Geschenk ist von größter Unterstützung für den inneren Prozess des Suchenden. Dieser innere Prozeß besteht darin, wie ich vorhin sagte, den Staub von dem inneren Spiegel zu blasen und nur noch das SELBST zu sehen.

Frage: Gibt es noch eine Bedeutung oder Aufgabe der Sangha?

OM: Die Sangha spiegelt die Gesellschaft im Kleinen. Somit ist die Sangha auch ein Instrument, in der großen Gesellschaft zu wirken. 'Erleuchtung' und erleuchtetes Wissen geht in die Welt, um die Welt zu verändern. ‚Erleuchtung’ hat heute einfach andere Aufgaben in der Welt, als sie das noch vor 10 oder 20 Jahren hatte. Die Welt befindet sich am Rande eines Abgrundes. Sie befindet sich in einer Krise, deren Ausmaße die ganze Welt zu spüren bekommen wird. Ich habe darüber auch auf der Schweibenalp gesprochen. Und erste Ausmaße dieser Krise, über die sich viele noch keine Vorstellungen machen, sind besonders in den letzten 12 Monaten manifest geworden: 11. September, Jahrhundertflut, Weltwirtschaftskrise, Klimakatastrophe, Börsencrash. Das sind Anzeichen, die nicht von der Hand zu weisen sind...

Ich predige nicht sozialen Aktivismus, so wie Roshi Glassman es ausgedrückt hat, weil ich gar nichts predige. Ich kann nur sagen, ich bezeuge das natürlich stärker werdende Tun sozialer Aktivität, die offensichtlich heute mehr denn je notwendig ist, um Veränderungen in der Gesellschaft voranzutreiben.

Frage: Gibt es nicht auch die Tendenz des Geistes, sich in der Sangha als etwas Besseres zu fühlen als der Rest der Menschen, weil man meint, den Weg gefunden zu haben?

OM: Jede vermeintliche Sangha hat das Potential zur Sekte. Weil der Geist, seiner halbseidenen Natur entsprechend, sektiererisch ist. Ich meine die ganze Formung eines Ichs ist ein sektiererischer Akt. Es ist also nicht übertrieben zu sagen, daß die Natur dieses Geistes sektiererisch ist. Jedes Zusammensein von Menschen kann sich in eine Sekte verwandeln, was eine Reflexion der inneren Sekte ist. Und ob das geschieht oder nicht, hängt von der Bereitschaft, von der Ernsthaftigkeit und der Wahrhaftigkeit der Einzelnen ab. Natürlich kann sich eine Sangha nicht in eine Sekte wandeln. 

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