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Interview mit Claudio Naranjo über das Enneagramm

Das folgende Interview mit Claudio Naranjo wurde im Rahmen einer Enneagramm-Fortbildung im Jahre 1995 in München von OM C. Parkin und Boris Fittkau geführt. Es wurde erstmals in der amerikanischen Zeitschrift „Gnosis“ unter dem Titel „The distorted Enneagramm“ im  Herbst 1996 veröffentlicht, später in „Esotera“ in Deutschland.

Die Veranstaltung in München wurde zum Anlaß genommen Fragen zu stellen, die durch eine Kontroverse in Amerika zwischen Claudio Naranjo und anderen Lehrern des Enneagramms, insbesondere Helen Palmer, ausgelöst wurden. Diese Kontroverse gipfelte auf der Enneagramm-Konferenz im August 94 an der Stanford University in Kalifornien als Naranjo sich weigerte eine Rede zu halten, zu der er eingeladen worden war. Diese Weigerung war der Ausdruck des ungelösten Konflikts mit Helen Palmer und deren Anwendung und Verbreitung des Enneagramms.

Durch OM C. Parkin und Boris Fittkau wurden erstmals sehr direkte Fragen gestellt, die diesen Konflikt beleuchten und auf die spirituelle Dimension des Enneagramms, so wie es von Naranjo gelehrt wird, hinweist.

Parkin: Dr.Naranjo, das Thema unseres Interviews ist das Enneagramm. Sie werden als Vater des "Enneagramms der Charakterstrukturen" bezeichnet, während man Oscar Ichazo wohl als den Großvater bezeichnen könnte. 1970 haben Sie das Enneagramm zum ersten Mal gelehrt. Seither ist dieses Systems in den USA und auch in Deutschland enorm populär geworden. Zunächst einmal die Frage, was das Enneagramm überhaupt ist. Könnten Sie es in ein oder zwei Sätzen beschreiben?

Naranjo: Bevor ich das Enneagramm in ein paar Sätzen beschreibe, möchte ich auf die Bezeichnung "Vater des Enneagramms der Charakterstrukturen" eingehen. Durch Oscar Ichazo habe ich die Enneagramme der Persönlichkeit und der Essenz kennengelernt. Ich habe dieses Wissen durch die Beschreibung der einzelnen Charaktertypen ausgearbeitet und damit unabsichtlich die Enneagramm-Bewegung ins Leben gerufen. Obgleich ich sicher ungewollt der Vater der Enneagramm-Bewegung bin, kann ich nicht umhin, die Bewegung selbst als mein ungeliebtes Kind zu bezeichnen. Andererseits ist es sehr treffend, Ichazo als ein "seed-individual" zu bezeichnen. So hat er selbst die Aufgabe beschrieben, für die er ausgebildet wurde. Ich habe den Ausdruck "seed-individual" über die Jahre sehr schätzen gelernt, als ich die eine oder andere seiner nur schematisch dargestellten Ideen ausgearbeitet habe. Wenn wir ihm seinen Platz als Samen der Enneagramm-Bewegung zuerkennen, dann würde ich mich eher als den Gärtner bezeichnen, der die Pflanze bewässert hat. Ich habe ein lebendiges Verständnis geerbt, welches kaum in Worten beschrieben war und ich habe daraus Charakterbeschreibungen und eine Theorie der Neurose entwickelt. Wenn man also die Metapher "Vater" für denjenigen gebraucht, der den Samen gebracht hat, würde ich mich selber als die "Mutter" des kulturellen Phänomens bezeichnen, das entstanden ist.

Zur Frage, was das Enneagramm ist: es ist eine Landkarte -- eine kosmische Landkarte, die die universellen Ideen beinhaltet, die Gurdjieff das "Gesetz der Drei" und das "Gesetz der Sieben" genannt hat. Das Enneagramm ist ein Dreieck, eingefaßt in einen Kreis, der durch Punkte in neun gleich große Teile aufgeteilt ist. Drei dieser Punkte (3, 6 und 9) ergeben das eben erwähnte Dreieck und die sechs verbleibenden sind so miteinander verbunden, daß sie die Zahlenfolge 1 4 2 8 5 7 ... ergeben, was gleichzeitig die dezimale Darstellung von 1/7 ergibt.

Fittkau: Wie sind Sie mit dem Enneagramm in Kontakt gekommen und welche Rolle spielte es auf Ihrem spirituellen Weg?

Naranjo: Ich habe das Enneagramm als junger Mann kennengelernt, als ich Ouspensky's "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" gelesen habe. Ich kann nicht behaupten, daß das Enneagramm zu jener Zeit eine Rolle auf meinem Weg spielte, obgleich der indirekte Einfluß von Gurdjieff sehr wichtig für mich war, nicht nur zu jener Zeit, sondern auch später, als ich mich seiner Schule anschloß. 1969 kam ich abermals mit dem Enneagramm in Kontakt, als ich Schüler von Ichazo wurde, besonders als dieser (in einem sechs-stündigen Monolog) meine "Protoanalyse -- d.h. die Landkarte meines Charakters -- formulierte, und zwar in Form von fünf ineinandergreifenden Enneagrammen (Über dieses "Ineinandergreifen von Enneagrammen" habe ich bisher weder etwas veröffentlicht, noch in den USA gelehrt). Diese Information wurde durch mehrere Erfahrungen lebendiger, die einige von uns 1970 unter seiner Leitung in Arica hatten. Das gipfelte in einem langen einsamen Wüsten-Retreat, in dem er mir die Anweisung gab, mit den "Psychokatalysatoren" zu arbeiten, die mit meinem Charakter korrespondieren. Rückblickend kann ich sagen, daß seine vorweg gegebene Beschreibung der Erfahrung präzise war: Die Arbeit mit den Katalysatoren gibt Zugang zu einer ersten Stufe der mystischen Erfahrung und dies kann so aufregend sein, daß einige Schüler an diesem Punkt ihren Lehrer verlassen.

Parkin: In seinem Buch "Enneagram Studies" behauptet Bennett, das Enneagramm sei ein Modell, das auf jeden Prozeß im Universum angewandt werden könne. Bei unserem Gespräch in München haben Sie meinen Eindruck bestätigt, daß dieser Anspruch, der von vielen Gurdjieff-Schülern aufrechterhalten wird, im Widerspruch zu Ihrer Erfahrung steht. Die Theorie klingt gut, aber die wirklichen Beweise einer praktischen Umsetzung fehlen bisher. Ich habe noch keinen Lehrer aus der Gurdjieff-Richtung getroffen, der mir das plausibel machen konnte. Wie sehen Sie das?

Naranjo: Der universelle Anspruch ist von der konkreten Anwendung, die ich bisher gefunden habe, reichlich weit entfernt. Die Beispiele, die Bennett in seinem Buch gibt, scheinen mir relativ trivial zu sein. Die einzig fruchtbare Anwendung des Enneagramms auf reale Phänomene habe ich bisher bei Ichazo gefunden.

Vielleicht sollte ich jedoch an dieser Stelle eine Unterscheidung machen: Ich sehe das "Gesetz der Drei" als universell gültig an, und es hat meine Sicht der Dinge sehr tief beeinflußt. Vom "Gesetz der Sieben" habe ich dagegen kein vergleichbares Verständnis in Bezug auf seine praktische Umsetzung. Ich verstehe das "Gesetz der Sieben" hauptsächlich als die sehr abstrakte Weisheit des Davidsterns, daß nämlich die Dreifaltigkeit der Dinge, indem sie mit sich selber in Interaktion tritt, alles im Universum erzeugt und gleichzeitig ein Ausdruck eines dimensionslosen Zentrums ist. Trotzdem bin ich keineswegs überzeugt, daß jeder zyklische Prozeß sieben Stadien durchläuft.

Parkin: Es gibt viele Geheimnisse um die Herkunft des Enneagramms. Oscar Ichazo hatte ursprünglich behauptet, das Enneagramm in mündlicher Überlieferung von den Sarmouni, einer Sufi-Bruderschaft, erhalten zu haben. In einem späteren Interview sagte er, er habe niemals einen einzigen Sufi getroffen, der etwas über das Enneagramm wüßte. Er behauptet jetzt, daß er das Enneagramm der Charakterstrukturen durch direkte Eingebung bekommen habe. Es ist also überhaupt nicht klar, ob es eine 1000 Jahre alte mündliche Tradition gibt oder nicht. Könnten Sie vielleicht ein wenig Klarheit in diese scheinbaren Widersprüche bringen?

Naranjo: Von Ichazo wollte ich vor allem deshalb lernen, weil ich überzeugt war, daß er eine Verbindung zu den Sarmouni darstellte, der Schule hinter Gurdjieff. Er gebrauchte dieses Wort jedoch nie öffentlich, sondern sprach normalerweise von "der Schule", die er sehr deutlich von traditionellen Sufi-Orden (auch den Naqshbandi) unterschied. Zwar hörte ich von Ichazo zunächst als "Sufi-Meister", aber als ich ihn bei einem unser ersten Treffen nach seiner Linie fragte, sprach er von "der Schule" als etwas, das sehr viel weiter von der Welt entfernt ist, als es Sufi-Orden sind. Und als er in Arica lehrte, sagte er, daß wir ihn nicht als "Sufi", sondern als einen "Überbringer der westlichen prophetischen Tradition" sehen sollten.

In jüngster Zeit hat Ichazo mehr Urheberrecht in Bezug auf Anwendungen des Enneagramms eingefordert, als zu jener Zeit, wo ich in direktem Kontakt zu ihm stand. Ich verstehe dies als eine angemessene Reaktion auf den Versuch der Welt, esoterisches Wissen mit einer falschen Einstellung zu verbreiten. In einer Zeit, in der Leute Videos machen und behaupten, sie würden damit die mündliche Tradition auf den Markt bringen, ist es angemessen festzustellen, daß es überhaupt keine mündliche Tradition gegeben hat. Da es in der materiellen Welt (außerhalb von Regierungsbüros) keinen Platz für geheime Informationen gibt, mußte Ichazo die Urheberschaft beanspruchen, damit das Urhebergesetz in Kraft treten konnte. Ich jedenfalls hatte niemals auch nur den Hauch eines Zweifels, daß Oscar der Überbringer von etwas war, daß über ihn hinausging -- egal, wie stark dieses ursprüngliche Wissen später durch persönliche Inspiration bereichert worden ist.

Parkin: Oscar Ichazo hat sich nach Hawaii zurückgezogen und ist, abgesehen von dem 1993 geführten Interview mit L.A.Weekly, nur wenig in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Im August 1990 hat sein Arica-Institut Helen Palmer verklagt, weil ihre "triviale" Herangehensweise an das Enneagramm den spirituellen Zusammenhang mißachte, in dem Ichazo das Wissen vermittelt hatte. Auch habe sie das Arica-Institut nie um Erlaubnis gefragt, bevor sie ihr Buch über das Enneagramm veröffentlichte. Es scheint schwere Meinungsverschiedenheiten zwischen Ichazo und der Enneagramm-Bewegung zu geben. Ist das wahr?

Naranjo: Ich kann nicht für Ichazo sprechen, da ich seit längerer Zeit keinen Kontakt mehr zu ihm habe. Er war jedoch stets sehr deutlich in der Verurteilung derjenigen, die sich die Freiheit nahmen, Material zu veröffentlichen, welches nicht ihr eigenes war und nur einen Ausschnitt aus einer viel größeren Lehre darstellte. Auch kann ich mir gut vorzustellen, daß Ichazo, genau wie jeder andere Lehrer von spirituellem Rang, die Oberflächlichkeit, den schlechten Geschmack und die allgemeine Unreife erkennen kann, die sich in den aktuellen Enneagrammbüchern und Zeitschriften widerspiegelt.

Fittkau: Alle bekannten Enneagramm-Lehrer waren Schüler von Ihnen, oder haben bei einem Ihrer Schüler oder deren Schülern gelernt. Es sieht so aus, als ob Sie ebenfalls mit weiten Teilen der Enneagramm-Bewegung nicht übereinstimmen. Sie haben aufgehört, in den USA zu lehren und sind auch nicht persönlich auf der "Ersten Internationalen Enneagramm Konferenz" im vorletzten Jahr erschienen, obgleich die Konferenz unter andern auch Ihnen gewidmet war. Warum sind Sie der Konferenz ferngeblieben?

Naranjo: In meinem Buch "Character and Neurosis/An Integrative View" (deutsch: Erkenne Dich selbst im Enneagramm) spreche ich darüber, daß ich mit dem meisten, was über das Enneagramm veröffentlicht wurde, nicht übereinstimme, sofern es nicht das widerspiegelt, was ich selber gelehrt habe (was bedeutet, daß die Veröffentlichungen teilweise nicht quellentreu sind, teilweise auf Mißverständnissen beruhen).

Ich stehe denjenigen meiner Schüler kritisch gegenüber, die ihr Schweigegelübde gebrochen haben, genauso wie denjenigen, die es sich erlaubt haben, Dinge zu veröffentlichen, die nur von Ichazo selber hätten veröffentlicht werden dürfen. Es scheint mir, daß die fragwürdige Ethik dieser ersten Enneagramm-Lehrer kulturelle Konsequenzen gehabt hat, denn ich sehe, daß die heutige Bewegung durchzogen ist von einer Kombination aus Habgier und Arroganz und einem fehlenden Respekt gegenüber den Quellen des Wissens (bis hin zu der Unterstellung, daß die Tradition mystischen Ursprungs ist). Indem ich mich geweigert habe, in den letzten 20 Jahren in den USA zu lehren, wollte ich selbstverständlich mein Mißfallen über selbsternannte Lehrer zum Ausdruck bringen.

Was meine Abwesenheit auf der Internationalen Konferenz betrifft, die Helen Palmer Gurdjieff, Ichazo und mir gewidmet hat, kann ich nur sagen, daß es vermutlich anders gekommen wäre, wenn die Veranstalter mich rechtzeitig und in einer angemessen Art und Weise eingeladen hätten. (Nebenbei bemerkt, wird mir des öfteren von Leuten geschmeichelt, die sehr gewandt in Image-Fragen sind, und die auf diese Weise versuchen, mit Lügen und Verleumdungen durchzukommen -- genauso, wie es in der zivilisierten Gesellschaft Leute gibt, die mit Geschick andere so verletzen, daß es für den ungeübten Beobachter unsichtbar ist, da es unter einem Kompliment versteckt wird). Jahre zuvor war ich von Mel Reisman angesprochen worden, der wissen wollte, ob ich Interesse daran hätte, an einer solchen Konferenz teilzunehmen. Ich antwortete, daß ich unter drei Bedingungen dazu bereit wäre: Oscar Ichazo müßte die Eröffnungsrede halten, ich selber würde danach sprechen und alle anwesenden Enneagramm-Autoren (uns beide eingeschlossen) würden an einer öffentlichen Encounter-Gruppe teilnehmen, die von einem Experten geleitet werden sollte. Reisman hat diesen Vorschlag mit Helen Palmer besprochen, die die Konferenz dann organisierte. Als Einladung erhielt ich jedoch einen Brief wie jeder andere Teilnehmer, und darin sah ich ein Manöver von verdeckter Mißachtung, vergleichbar mit dem, für das Ichazo einige Leute verklagt hatte. Das amerikanische Gesetz beinhaltet keinen Schutz von Ideen, nur von Worten, aber Ichazo hat trotzdem seinen Standpunkt klar gemacht. Obwohl das Urheberrecht nicht anwendbar war, gab es doch intellektuellen Diebstahl -- die fehlende Nennung der Urheber, was einem Mißbrauch gleichkommt.

Parkin: Dr.Naranjo, die mündliche Tradition ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Vermittlung von esoterischem Wissen. Spirituelle Meister aller Generationen haben ihr Wissen nur mündlich und in einem geschlossenen Rahmen direkt an ausgewählte Schüler weitergegeben. Wir leben jetzt im Zeitalter der Medien, wo Information indirekt in großem Umfang verbreitet wird, ohne die Wurzeln einer spirituellen Lehrer-Schüler-Beziehung. Es scheint unvermeidlich zu sein, daß die Medien auch von esoterischem Wissen Besitz ergreifen. Als Sie 1970 Ihre erste Gruppe über das Enneagramm abgehalten haben, haben sich Ihre Schüler schriftlich dazu verpflichtet, das Enneagramm nicht außerhalb Ihres Institutes zu lehren. In Ihrer zweiten Gruppe waren einige Leute, darunter Helen Palmer, die sich nicht um die mündliche Tradition kümmerten und anfingen, das Enneagramm im großen Stile vor Hunderten von Leuten zu lehren. Zunächst einmal: Warum haben Sie nicht auch von der zweiten Klasse ein Schweigeabkommen gefordert? Und zweitens: Wie stehen Sie dazu, daß das Enneagramm jetzt außerhalb der mündlichen Tradition und reduziert auf eine rein psychologische Sichtweise gelehrt wird?

Naranjo: Ich sollte zu allererst sagen, daß man schwerlich von einer ersten oder zweiten "Gruppe" sprechen kann. Zuerst habe ich mit einer Gruppe von über 60 Menschen in einem Zeitraum von annähernd drei Jahren gearbeitet. Dabei habe ich nicht nur Meditation gelehrt, Sufi-Geschichten erzählt und kommentiert und die Menschen durch verschiedene psycho-spirituelle Übungen geführt und Gestalt-Sitzungen angeboten, sondern ich habe auch die fortlaufenden Interaktionen der Menschen untereinander im Lichte des Enneagramms interpretiert. Das Enneagramm war so sehr in alles andere integriert, daß man gar nicht von einer "Enneagramm-Gruppe" sprechen konnte. Später habe ich mich dann dazu überreden lassen, eine Demonstration der neun Charakter-Typen zu geben. Für diesen Zweck habe ich die Befragung von Podien von vorher diagnostizierten Menschen ins Leben gerufen. Die Befragungen fanden an neun Abenden im Haus von Dr.Gay Luce in Berkeley statt und dort war auch Helen Palmer anwesend.

Fittkau: Heißt das, diese neun Abende waren der einzige direkte Kontakt, den Helen Palmer mit Ihnen gehabt hat?

Naranjo: Diese neun Abende und noch einmal zwei Gruppen 10 Jahre später, als ich von Pecci eingeladen wurde, an der J.F.Kennedy-Universität ähnliche Befragungen durchzuführen. Während dieses Anlasses sprachen neun meiner langjährigen Schüler über das, was sie in den vergangenen 10 Jahren über ihre Charakterstruktur erfahren hatten, während ich wiederum Podien befragte. Es ist mir ein Rätsel, warum Helen Palmer nach diesen Treffen nicht zu mir gekommen ist, obgleich sie noch während der Treffen ihre Dankbarkeit für meine Arbeit ausgedrückt hatte. Zu dieser Zeit lehrte sie das Enneagramm bereits. Als ich sie viele Jahre später wiedertraf, erklärte sie mir, sie habe ihre Schüler aufgefordert, sich von mir zurückzuziehen, weil sie den Eindruck hatte, ich würde die Arbeit nicht gut genug machen. Aus dem Wunsch heraus, ihren Lehranspruch zu verteidigen, kann ich diese Art und Weise, mich herunterzumachen, gut verstehen. [CS: Ich kann verstehen, warum sie mich heruntermachen wollte. Sie wollte damit ihren Lehranspruch bestätigen/untermauern]

Die "zweite Enneagramm Gruppe" bestand aus einer Reihe von Treffen in Gay Luces Wohnzimmer (was Palmer in ihrem Buch dann als "Forschungsgruppe" bezeichnete). Ich konnte nicht vorhersehen, daß irgend jemand, der diesen Demonstrationen beiwohnte, später so weit gehen würde, die Typologie zu lehren. Ich bin sicher, selbst Helen Palmer hätte dies nicht ohne die Unterstützung einer meiner frühen Schülerinnen getan, die der Versuchung zu lehren nicht widerstehen konnte.

Sie fragen mich, was ich davon halte, daß das Enneagramm "außerhalb der mündlichen Tradition" und "reduziert auf eine rein psychologische Sichtweise gelehrt wird". Sicherlich wird niemand aus einer ernstzunehmenden esoterischen Tradition daran denken, ohne Erlaubnis zu lehren, und solch eine Erlaubnis kommt nicht automatisch nach einigen Jahren oder nach besuchten Kursen oder bestandenen Examen, wie in weltlichen Universitäten. Auf jeden Fall erfordert es persönliche Bereitschaft und eine korrekte Beziehung zum Lehrer.

Fittkau: Was ich bisher von der Enneagramm-Bewegung in den USA mitbekommen habe, hat mich ziemlich erschüttert. Tatsächlich wird dort auf eine sehr oberflächliche Art und Weise mit dem Enneagramm gearbeitet. Die meisten Menschen scheinen eher ein Interesse daran zu haben, ihren Charaktertypus zu rechtfertigen, als ihn zu transformieren. Der Bewegung fehlen die spirituelle Wurzeln, was ich darauf zurückführe, daß selbsternannte Lehrer das Wissen ohne die Erlaubnis des Lehrers weitergeben.

Naranjo: Die momentane Situation, in der Leute ohne Erlaubnis lehren, spiegelt einen Mangel an Verbundenheit mit der Tradition wider und hat notwendigerweise eine Verarmung zur Folge -- die imitierte Vermittlung von etwas, was Teil einer viel größeren Lehrtradition gewesen ist. Obwohl das Enneagramm als eine psychologische Landkarte sehr wohl bekannt geworden ist, mag die transformative Kraft von "Enneagramm-Workshops" nur sehr begrenzt sein. Daß sich die jetzigen Lehrer und Autoren auf den psychologischen Rahmen beschränken, betrachte ich nicht als den schwerwiegendsten Fehler, denn manchmal kann selbst rein "klinische" Arbeit von spiritueller Bedeutung sein.

Ich bin jedoch froh, daß ich bisher nichts gelehrt habe, was über eine rein analytische Ebene in der Arbeit mit den Charaktertypen hinausgeht, denn sonst wäre der Markt jetzt mit Karikaturen der Arbeit mit Tugenden und Psycho-Katalysatoren überflutet. In Ichazos Arbeit war die "Protoanalyse" Teil einer breitgefächerten Collage und auch in meiner Arbeit wird ihre Kraft durch den spirituellen Hintergrund potenziert.

Parkin: Könnten Sie etwas über den Ursprung der sog. "Stress- und Herzbewegung" sagen? In Ihrem Video, das auf der Konferenz gezeigt wurde, äußerten Sie Ihr Erstaunen darüber, daß die Herz/Stress-Bewegung zu einer Art Dogma unter Enneagramm-Autoren geworden sei und sogar fälschlicherweise einer alten Tradition zugeschrieben wurde, obgleich sie lediglich mit der Richtung der Pfeile experimentiert hatten. Offensichtlich gibt es also überhaupt kein traditionelles Dogma über eine Herz/Stress-Bewegung in eine feste Richtung. Ist das nicht ein gutes Beispiel dafür, wie Information vom ignoranten Geist fehlinterpretiert werden kann, wenn er nicht in einer spirituellen Beziehung verwurzelt ist?

Naranjo: Ich erinnere mich sehr deutlich, daß ich diese Idee damals als meine eigene Beobachtung und nicht als Teil der Tradition vorgestellt habe. Im Video sagte ich, die Arbeitshypothese sei inzwischen zu einer Art traditionellem Dogma geworden ist. Zu behaupten, eine Bewegung entgegengesetzt der Pfeile sei immer therapeutisch und eine Bewegung mit den Pfeilen immer pathologisch, wird der Komplexität des Sachverhalts nicht gerecht. Mit der Zeit habe ich erkannt, daß psycho-spirituelle Entwicklung immer die Arbeit an den Haupt-Polaritäten eines Charakters beinhaltet und diese Polaritäten werden im Enneagramm durch den vorhergehenden und nachfolgenden Punkt (anhand des "inneren Flusses" der Linien) beschrieben. Ich sehe beide Bewegungen als dialektische Prozesse an, in denen eine Stufe von Integration einer Stufe von Desintegration folgen kann. Eine neidische Person kann sehr wohl in gesunder Weise in eine mehr stolze Haltung wachsen und eine sehr feminine und übertheatralische "Zwei" kann sich in gesunder Weise zu einer weniger sentimentalen und mehr maskulinen E-VIII Haltung entwickeln. Umgekehrt habe ich durchaus schon psychotische Veränderungen von einem E-II nach E-IV gesehen. Trotzdem bin ich weiterhin der Meinung, daß die Bewegung entgegengesetzt der Pfeile die schwierigere Integration ist und daß sie in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt im Leben stattfindet.

Fittkau: Ein weiteres Konzept, welches eine große Bedeutung für die Enneagramm-Bewegung zu haben scheint, ist das der "Flügel". Zum Teil hat dies seinen Ursprung in der Lehre von Riso, der in den USA sehr populär ist und der den "Flügeln" eine entscheidende Bedeutung beimißt. Wie wichtig ist dieses Konzept in Ihrer Erfahrung hinsichtlich spiritueller Transformation?

Naranjo: Vielleicht ist es von Interesse zu erwähnen, daß der Begriff "Flügel" von mir stammt --obwohl es Teil von Ichazos Lehre war, daß jeder Punkt im Enneagramm als eine Synthese der beiden angrenzenden Punkte verstanden werden kann. Die Bedeutung, die die "Flügel" in Risos Formulierung bekommen haben, geht auf sein Verständnis der Subtypen zurück. Es ist offensichtlich, daß es zu jeder vorherrschenden Leidenschaft (und der dazu gehörenden Fixierung) unterschiedliche Ausdrucksformen gibt, und ich habe das Thema der Subtypen nie geheim gehalten. (Kürzlich habe ich das in Italien, Mexiko und anderen Ländern gelehrt und mir fällt auf, daß die Informationen bis zu Rohr durchgefiltert sind, dessen Buch viele meiner persönlichen Beobachtungen wiedergibt, teilweise in genauem Wortlaut von Notizen meiner Schüler. Genau wie die Jesuiten, hat sich dieser Franziskaner jedoch dazu entschlossen, die Quelle seiner Ausführungen zu verschweigen, und beansprucht so implizit die Urheberschaft).

Riso hat die charakterlichen Unterschiede zwischen Menschen einer Leidenschaft bemerkt, aber da er mit der traditionellen Sichtweise nicht vertraut war, nach der die Subtypen vom Instinktzentrum dominiert werden, schlug er "Flügel-Dominanz" vor. Für jemanden, der nicht mit der Materie vertraut ist, mag das ausreichen, denn es gibt sehr wohl "Einser", die mehr wie "Neuner" aussehen, und "Sechser", die mehr wie "Fünfer" wirken, usw. Es wäre alles in bester Ordnung, wenn man sagen könnte, daß jeder der Subtypen zu einem seiner beiden Flügel hin tendiert, aber eine solche 1:1-Beziehung kann nicht hergestellt werden. Ich sehe Risos Versuch als eine ungenaue Vereinfachung an, für die jemand, der die echte Typologie kennt, keinen Nutzen hat.

Nun zur Frage, wie wichtig dieses Konzept hinsichtlich spiritueller Transformation ist. Die Bewußtheit über die eigenen "Flügel" ist ein Teil in der Selbsterforschung. Wo auch immer jemand seinen Platz im Enneagramm hat, es ist entscheidend, das eigene Mandala zu kennen, und das schließt neben dem eigentlichen Punkt die beiden Flügel und die beiden Pole im "inneren Fluß" mit ein.

Fittkau: Auf der Enneagramm Konferenz hat eine Ihrer ersten Schülerinnen, Kathleen Speeth, einen Vortrag gehalten, in dem sie über die Gefahren sprach, die in der Benutzung und dem Lehren des Enneagramms liegen. In ihrer Rede kündigte sie an, daß sie das Enneagramm in Zukunft nicht mehr öffentlich lehren wird. Darüber hinaus war in einem Enneagramm-Artikel in der amerikanischen Zeitschrift Newsweek zu lesen, daß der CIA das Enneagramm bereits für Agentenausbildung einsetzt. Welche Gefahren und Mißbrauchsmöglichkeiten liegen in der Anwendung und dem Lehren des Enneagramms auf einer persönlichen und auf einer sozialen Ebene?

Naranjo: Praktisch jedes psychologische Wissen kann sowohl für Selbsterkenntnis und Transformation als auch für Manipulation benutzt werden. Vielleicht sollte ich hier auch die Möglichkeit von Selbsterhöhung erwähnen, denn viele, die wenig anzubieten hatten, bevor sie das Enneagramm kennenlernten, waren mit dem Wissen in der Lage, Eindruck auf andere zu machen. Einige sind durch die dem System innewohnende Kraft sogar zu Autoritäten geworden.

Ich hätte es vorgezogen, wenn das Enneagramm der Charaktertypen nur dem Ziel der Transformation gedient hätte und nicht hauptsächlich geschäftlichen Interessen, wie z.B. der Personalauswahl. Wie kritisch ich über diesen Punkt denke, läßt sich aus der Tatsache ableiten, daß ich bis heute nicht dazu zu bewegen war, einen Fragebogen zum Enneagramm zu veröffentlichen, obwohl ich einen soliden Hintergrund auf dem Gebiet der Persönlichkeitstests habe und dieses Gebiet viele Jahre wissenschaftlich erforscht habe.

In Bezug auf die Folgen von Inkompetenz im psycho-spirituellen Bereich sehe ich die Gefahr von Täuschung und Betrug, von Zeitverschwendung und Vergeudung des Lebens.

Parkin: Offensichtlich hat das Enneagramm an sich nur wenig oder keine transformative Kraft, wenn es nicht in einem ernsthaften spirituellen Kontext gelehrt wird. Es hängt alles von der Verständnisebene des Enneagramm-Lehrers ab. Auf der Konferenz hörte ich von einem Mann, der seine Leidensgeschichte als Teil eines Fünfer-Podiums schilderte und es war die gleiche Geschichte, die er drei Jahre zuvor auch erzählt hatte. Mit anderen Worten: nichts hatte sich verändert! Ist das nicht ein Beispiel dafür, wie der menschliche Geist das Enneagramm mißbrauchen kann, um seine eigenen Lügen über das Selbst und die Wirklichkeit aufrechtzuerhalten?

Naranjo: Der Diebstahl des Enneagramms durch jemanden, der nicht bereit ist, es zu nutzen, ist vergleichbar mit der Geschichte, die von einem Fakir berichtet, der den "Talisman der Erleuchtung" von Mohammed Shattar, dem großen Sufi-Meister, gestohlen hatte. Nachdem der Fakir erkannt hatte, daß er seinen Jüngern auch mit dem Talisman keine Erleuchtung vermitteln konnte, erschien ihm der Sufi und erklärte ihm, daß gestohlenes Wissen oft unbrauchbar ist. "Du hast den Talisman, aber ich bin Shattar", sagt er in der von Idries Shah erzählten Version der Legende. "Mit meinem Wissen kann ich mir einen anderen Talisman erschaffen. Du aber, der Du den Talisman hast, kannst niemals Shattar werden."

Parkin: Wäre es trotzdem angemessen, das Enneagramm ein "System der Erleuchtung" zu nennen?

Naranjo: Während meiner Lehrzeit bei Ichazo war das Enneagramm Teil eines umfangreichen Lehrsystems, welches die "Mentationen", die Chakren, den "Lataif" und den "Sephirot" mit einschloß -- alles im Kontext von Aufmerksamkeitsübungen, Hingabe und "Ego-Reduktion". Trotzdem ist das Enneagramm auf jeden Fall ein Werkzeug für Erleuchtung, denn tiefe Einsicht in die eigene Fixierung kann erleuchtend sein -- zumindest insoweit, als sie ein gewisses Maß an Losgelöstheit von der eigenen automatischen Psyche bewirkt. Trotzdem ist psychologische Selbsterkenntnis (welches das Ziel von Ichazos "Protoanalyse" war) nur der erste Schritt in einem Ansatz, der auch mit den "Antidoten" der niederen Emotionen arbeitet, kontemplative Fähigkeiten kultiviert und, besonders wichtig, diejenigen metaphysischen Erkenntnisse entwickelt, die heilend auf die einzelne Fixierung wirken. Um es einfacher auszudrücken: Arbeit am Ego (durch Einsicht oder Tugend) dient als Fundament für spirituelle Arbeit, deren Ziel das Verständnis der Essenz des eigenen Geistes ist.

Fittkau: Wie setzen Sie das Enneagramm in Ihrer therapeutischen Arbeit ein?

Naranjo: Was ich eben beschrieben habe, setze ich in Gruppen ein, in denen ich Menschen anleite, mit gegenseitiger Unterstützung an sich selbst zu arbeiten. Auf einer ersten Stufe gebe ich den Menschen eine fundierte Einsicht in ihre Charakterstruktur. Auf einer zweiten Stufe stelle ich ihnen genügend Informationen und Supervision zu Verfügung, damit sie mit den "Antidoten" ihrer Leidenschaften arbeiten können. Auf einer dritten Stufe gehen wir tiefer in ein Verständnis des kognitiven Kerns des Charakters -- was wiederum als Vorbereitung für die Stufe der kontemplativen Arbeit dient, die ich nur diejenigen lehre, die genug meditiert und einen Zustand gefestigter Konzentration erreicht haben.

Gleichzeitig bin ich aber auch Gestalt-Therapeut und meine Gestalt-Arbeit ist in großem Maße durch das Verständnis über Charakterstrukturen beeinflußt worden, das die Protoanalyse mir vermittelt hat. Ich habe darüber in meinem Gestalt-Therapie-Buch geschrieben, aber dies ist ein Bereich, den man nur durch praktische Demonstration angemessen beschreiben kann. Ich bin jetzt dabei, das Buch "Enneatypes in Clinical Practice" fertigzustellen, in dem Mitschriften von therapeutischen Sitzungen mit den einzelnen Charaktertypen enthalten sind. Ich vermute, daß dieses Buch in Deutschland vom Scherz-Verlag veröffentlicht wird, da sie vor Jahren ihr Interesse an solch einer Arbeit bekundet haben.

Parkin: Bevor wir das Interview beenden, gibt es noch etwas, was Sie abschließend sagen möchten?

Naranjo: Zum Ende des Interviews, halte ich es für angebracht, der Enneagramm-Bewegung eine Beobachtung von Idries Shah (aus "Reflections") in Erinnerung zu rufen. Er schreibt dort in Bezug auf die heutige Zeit: "Zwar gibt es heute die Werkzeuge und die generelle Freiheit zum ersten Mal in der Geschichte, jedoch fehlt das Verlangen, die Entschlossenheit und eine kraftvolle Vision, ebenfalls zum ersten Mal." Er schließt daraus, "daß das, womit uns die Natur ausgestattet hat, in Gefahr ist. Zum ersten Mal."

Parkin: Dr.Naranjo, wir danken Ihnen für dieses Interview.

 

Interview mit OM C. Parkin u. Claudio Naranjo, erschienen in Gnosis, 1996
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