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Nachlese zur Konferenz "Verlorene Autorität"

Vom 18.-20. September fand auf Gut Saunstorf - Ort der Stille eine gut besuchte Konferenz statt. Das Thema „Auf der Suche nach der verlorenen Autorität – Die Nazizeit und ihre geistigen Folgen für uns heute“ wurde mit einer Filmvorführung, einer Fotoausstellung, Innerer Arbeit und Systemaufstellungen sehr lebendig erforscht. Der Religionswissenschaftler und Theologe Dr. Joachim Süss sprach über die „Kriegsenkel“ und zwei Vorträge von OM C. Parkin vertieften die Erkenntnisse.

Als Nachklang berichten hier zwei Teilnehmer von ihren Erfahrungen:


Nachlese zur Konferenz der Akademie für Innere Wissenschaft:

Intensität und Ernsthaftigkeit

von Martina von Holn

Im Nachraum dieser Konferenz schwingen Intensität und Ernsthaftigkeit in mir. Es zeigt sich, dass das Wirken verschiedener Formen des Zusammenseins (Vorträge, Filmvorführung, Innere Arbeit und Systemaufstellungen) zu einer Verdichtung und Vertiefung führen können, in meinem Inneren sowie im Austausch mit anderen.

Was ist innere Autorität und wie geschieht der Verlust dieser Kraft?

In seinem Vortrag beschrieb OM eine Zweiheit von Autorität: die Referenz für wahre Autorität liegt in der Seele, doch beansprucht eine zweite, falsche Autorität diesen Platz, die ein „Zerrbild“ der ersten ist und die durch den denkenden Geist erschaffen wird. Durch innere Unterscheidungskraft können diese beiden Systeme entzerrt werden. Im Nachspüren erscheint es so, dass wahre Autorität stets mit dem fühlenden Herzen verbunden ist und durch es fließt. Parallel tauchen Bilder des Geistes auf, die mit dem äußeren Vater verknüpft sind. Wenn ich ihnen folge, entferne ich mich von Autorität als mir innewohnende Kraft. Es geschieht eine innere Erschütterung in dem Moment, in dem eben diese Projektion von Autorität nachvollzogen wird. Ich sehe, wie es geschieht, dass Autorität ins Außen geworfen wird, sowohl die „gute“ als auch die „schlechte“. Die Tragbreite dieses geistigen Geschehens zeigt die Abgabe der Macht an die Masse innerhalb des totalitären Systems der Nazizeit.

Wie entsteht diese Projektion? OM beschreibt den Vorgang als Inbesitznahmen der Kraft des Archetyps des Vaters, also als ein Griff nach einem Ideal innerer und äußerer Größe. Dieser Griff selbst ist der Missbrauch, durch den Schuld erzeugt wird, aus der Angst entsteht, aus der Verrat kommt. Es erschüttert mich, zu erkennen, dass das Konzept von Schuld letztendlich ein Konstrukt des Geistes ist, und nicht aus äußerer Handlung erwächst. Ohne inneren Missbrauch ist Schuld nicht existent.

Nachlese zur Konferenz der Akademie für Innere Wissenschaft:

Am Nachmittag findet eine systemische Aufstellung statt, die dem deutschen Kollektiv gewidmet ist. Darin bestätigt sich, was im Vortrag mit OM schon deutlich wurde: der Umgang mit „Schuld“ spielt eine Schlüsselrolle auf dem Weg zurück in die innere Autorität. Weiterhin eröffnet sich ein überraschender Zusammenhang zwischen dem jüdischen Kollektiv und dem Flüchtlingsstrom, der in diesen Wochen und Monaten in Europa eintrifft.

In der nachfolgenden Zeit in Kleingruppen arbeiten wir mit der Frage: „Wie erzeugst du Schuld?“.

Es berührt mich, die Aspekte nah kommen zu lassen, die OM als Möglichkeiten beschreibt, innere Autorität wieder zu erlangen. Als allen übergeordneter Aspekt wird deutlich, dass eine „innere Referenz“ gefunden werden muss; die Seele selbst ist diese Referenz. Von dort aus kann Angst bewusst wahrgenommen werden, Schwäche als Öffnung in die weibliche Seele wirken. Es braucht den MutIdeale zu hinterfragen sowie Vertrauen in eine höhere innere und äußere Führung. Die Bekenntnis von Schuld bedeutet den Moment der Entmachtung des Über-Ichs („äußere Referenz“). Ein demütiges Eingeständnis der eigenen Begrenztheit führt in Respekt vor natürlichen Grenzen.


Nachlese zur Konferenz der Akademie für Innere Wissenschaft:

Voller Dankbarkeit für ein intensives Wochenende

von Dieter Schaefer

Der Film "Das radikal Böse" von Stefan Ruzowitzky, der zu Beginn der Konferenz gezeigt wurde, hat mich tief erschüttert. Menschen wie Du und Ich, die zu Massenmördern werden. Die ersten Fragen, die während des Films in mir auftauchten, bezogen sich auf meinen Vater, der im Alter von 15-17 Jahren als Soldat in Russland war. War er auch an solchen Erschießungskommandos beteiligt? Welche Position hat er bezogen? Hat er sich geweigert, oder ist er mitgelaufen? Ich weiß so gut wie nichts über ihn in der Kriegszeit. Er hat nur ein einziges Mal kurz gesagt, dass Menschen in Russland zu Tieren geworden wären, und dass man zuerst schießen musste, sonst wäre man tot gewesen. Welche Schrecken hat er durchlebt? Welche Schrecken hat er erzeugt?

Dann tauchte immer wieder die Frage auf, wie ich gehandelt hätte. Ich weiß nicht, wie sehr ich der massiven Propaganda geglaubt hätte. Ich kann meine Hand nicht dafür ins Feuer legen. Weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, mich den Erschießungsbefehlen zu verweigern, was im Film einige Soldaten getan haben. Es ist ein schweres Gefühl, nicht mit Gewissheit sagen zu können, ob ich in dieser Situation wehrlose Menschen abgeschlachtet hätte. Da wird der Blick auf das schlafende Böse frei - und dieser Anblick gefällt mir nicht, macht mir Angst.

Das Betrachten der Ausstellungsbilder zeigte mir noch einen erschreckenden Einblick in die menschlichen Abgründe. Die Alltäglichkeit, die der Adjutant des Lagerkommandanten in seinen persönlichen Bildern festgehalten hat. Fröhliches Beisammensein, Feiern und Relaxen, direkt neben dem KZ. Das Grauen komplett ausgeblendet. Wahnsinn!

Nachlese zur Konferenz der Akademie für Innere Wissenschaft:

Der erste Teil des Vortrages von OM C. Parkin zum Thema Autorität hat mich überfrachtet. Ich war so fertig von dem Film und der Ausstellung, dass ich Schwierigkeiten hatte, OM zu folgen. In der offenen Gesprächsrunde am zweiten Tag mit Ulrike Porep und Beatrice Kalal haben sich die Eindrücke verfestigt. Es tat gut, sich mitzuteilen und darüber auszutauschen. Der Vortrag von Dr. Süss über das Thema Kriegsenkel am Abend war ebensfalls sehr aufschlussreich. Er führte einige Beispiele an, in denen ich mich wiedergefunden habe. Hier kam zum ersten Mal der Gedanke auf, dass einige meiner Verhaltensweisen mit dem Kriegserleben meiner Eltern zu tun haben könnten. Ich habe mich daran erinnert, dass ich während meiner Kindheit und Jugendzeit eine panische Angst vor Sirenen hatte. Direkt auf dem Dach des Hauses gegenüber war eine angebracht. Ich habe mich als Kind kaum getraut, auf das Haus zu schauen. Die Probe-Alarme waren die reinste Hölle für mich. Ich hatte ständig Alpträume und wusste nicht warum. Nun weiß ich es!

Die Aufstellung des deutschen Kollektivs mit Steffen Wöhner und Helga Parkin war sehr bewegend. Ich war einfach nur betroffen und berührt, wie Angst, Schuld und Autorität zusammenhängen und wie sich die Nazizeit auf das heutige Kollektiv auswirkt. Und OM´s Abschlussvortrag am Sonntag hat für mich völlig neue Aspekte in dieses Thema gebracht. Vor allem der Bezug zum spirituellen Enneagramm war sehr erhellend.

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich voller Dankbarkeit für dieses intensive Wochenende bin.

Bericht zur Konferenz, Oktober 2016
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