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Was ist Innere Wissenschaft?

Ein spiritueller Meister, ein Kapuzinermönch und ein Homoöpath gehen mit dir auf eine innere Forschungsreise…

Anmerkungen zur gleichnamigen Konferenz der Stiftung Gut Saunstorf - Ort der Stille im September von Michael Gleich, Journalist, Buchautor und Schüler von OM C. Parkin.

Was ist der Mensch? Was ist Leben, was ist Tod? Wer ist eigentlich gemeint, wenn jemand „ich“ sagt? Diese existenziellen Fragen berühren und bewegen uns seit erdenklichen Zeiten. Bei der Beantwortung können wir uns entweder darauf beschränken, was man mit den Sinnen beobachten, messen und wiegen kann. Oder wir können den Blick nach innen richten, um als innere Wissenschaftler zu erforschen, was unser wahres Wesen ausmacht. Naturwissenschaft und Innere Wissenschaft: Wenn es tatsächlich nur eine Wahrheit gibt, müssten beide Wege letztlich zu ihr führen.

In einer aufgeklärten Gesellschaft scheint es jedoch so, als stünden sich Mystik und Naturwissenschaft unvereinbar gegenüber. Als müssten sich spirituell Suchende entscheiden, ob sie wissen können oder glauben wollen. Viele geraten dadurch in ein quälendes Dilemma. Doch gibt es den Gegensatz zwischen äußerer und innere Wissenschaft wirklich? Dieser brennenden Frage widmet sich eine ungewöhnliche Konferenz der StiftungGut Saunstorf – Ort der Stille im September 2016. Als „Reise in unsere innersten Welten“ angekündigt, hat sie sich zum Ziel gesetzt, das gängige verengte Wissenschaftsverständnis zu erweitern. 

Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird untersucht: Welche Methoden eignen sich für Selbsterforschung? Sind deren Ergebnisse rein subjektiv, gelten sie also nur für mich? Oder führt methodische Innenschau zu objektiven Ergebnissen, die von anderen Menschen überprüft werden können? Wie verhält sich inneres Forschen zu den Methoden und Resultaten der Naturwissenschaften?  Gibt es Settings und Experimente, die spirituell Suchende bei der Untersuchung der Frage unterstützen: Was ist mein wahres Wesen?

Vier Impulsgeber werden diese Forschungsreise anleiten. Der bekannte Homöopath und Autor Ravi Roy wird gemeinsam mit seiner Frau Carola Lage-Roy zeigen, dass die homöopathische Heilkunst auf Gesetzen einer feinstofflichen Kosmologie beruht. Er sagt: „Heil ist ein Lebewesen in einem Kosmos, wenn es dessen Gesetze achtet und sie in Liebe zum Schöpfer dieses Kosmos ordentlich ausführt. Aus diesem Grund kann wirkliche Heilkunst nichts anderes als innere Wissenschaft sein.“ In seinem Herkunftsland Indien hat Homöopathie eine viel tiefere und breitere Tradition als im Westen, wo sie aufgrund eines rein materiellen Wissenschaftsverständnisses angezweifelt wird.

Einen ganz anderen Zugang zur Inneren Wissenschaft eröffnet Pater Guido Kreppold. Er erforscht seit Jahrzehnten, wie Träume für Selbsterforschung und für inneres Wachstum genutzt werden können. Er sieht sie als Momentaufnahmen des Unbewussten, bezeichnet sie als „Briefe der Seele an uns“. Wenn unbewusste Inhalte ins Licht des Bewusstseins gelangen, können sie durchdrungen, verstanden und letztlich aufgelöst werden. 

Der vierte Referent auf der Konferenz ist der spirituelle Meister OM C. Parkin. Der Philosoph und Autor geht davon aus, dass sich nur durch Integration der Erkenntnisse Innerer Wissenschaft unser wahres, menschliches Potential entfalten kann. Er weist darauf hin: „Die eigentliche Begrenzung liegt nicht in der Wissenschaft selbst, sie besteht in der geistigen Stufe des Wissenschaftlers.“ Um darüber hinaus zu gehen, sei es für jeden Forscher notwendig, die eigene Konditionierung durch größtenteils unbewusste Glaubenssätze des Ich-Geistes zu untersuchen. Erst dann sei es möglich, ohne Vor-Annahmen und Vor-Urteile zu forschen, „mit leeren Geist“. OM weiß sich einer Meinung mit dem Biologen und Neurowissenschaftler Francisco Varela, der fordert, den eigenen Geist als „Objekt“ in die Forschung einzubeziehen.

Naturwissenschaftler sind Innenschau jedoch nicht gewohnt, sehen dazu auch keine Notwendigkeit. Vielmehr betrachten sie den rationalen Verstand als einzige Instanz zur Überprüfung von Wahrheit. An diesem Punkt zeigen sich Frucht und Fluch der Aufklärung: Einerseits ist diese wissenschaftliche Sicht als großer Fortschritt zu bewerten, weil sie vorrationale Magie und Mythen überwand. Andererseits führte sie in eine Sackgasse, weil nunmehr die Ratio als höchste und letzte Instanz angenommen wird, am besten abgetrennt vom Herzen, vom fühlenden Wesen. Zu dieser Verengung der wissenschaftlichen Perspektive sagt der amerikanische Gelehrte Ken Wilber: „Alle höheren Ebenen und Sphären, Geist und Seele, Güte und Schönheit wurden sorgfältig vom Antlitz des Kosmos getilgt. Zurück blieben Schmutz und Staub, Systeme und Sand, Materie und Masse, Objekte und Es-heiten.“

Dieser Verflachung des Verständnisses von Wissenschaft will die geplante Konferenz auf Gut Saunstorf – Ort der Stille entgegen wirken. Ziel ist es, eine Brücke zwischen Mystik und äußerer Wissenschaft zu schlagen. Anders als bei der Glaubensreligion beruht der mystische Weg – genau wie alle empirischen Wissenschaften – auf eigener, authentischer Erfahrung, man könnte sagen: auf Augenschein. So berichten spirituelle Meister aller Zeiten übereinstimmend, dass Selbsterforschung als Methode Innerer Wissenschaft zu allgemeingültigen Aussagen führt. Man könnte Meditation beispielsweise als Experiment mit einer bestimmten Versuchsanordnung begreifen. Die Berichte darüber, wie Bewusstsein in Meditation erforscht wird, kommen seit Urzeiten und in allen Kulturen zu den selben Ergebnissen. Etwa wenn dabei Gedanken als vergängliche Objekte beschrieben werden, die kommen und gehen, und das Gewahrsein dieser Phänomene als etwas, was bleibt. Anderes Beispiel: Spirituell Forschende berichten immer wieder von den gleichen inneren Wandlungsprozessen, wenn sie sich ganz bewusst Ängsten stellen, denen sie bisher stets ausgewichen waren; sie bezeugen, wie sich Angst in Vertrauen und Selbstliebe wandelt.

Solche Ergebnisse manifestieren sich in der Philosophia perennis, der ewigen Philosophie. Die Durchdringung festgehaltener Gedankenwelten des Ich-Geistes befähigt den Forscher, zwischen begrenzten Erscheinungen und ewiger Wahrheit unterscheiden zu können. Sie führt zur Entleerung von falschem Wissen. Auf diese Weise dient Innere Wissenschaft dem Weg in die Freiheit.

Artikel von Michael Gleich, Oktober 2016
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