Stimmen der Klostergemeinschaft über die Zeit des Lockdowns

1. April 2021

Ein halbes Jahr hat das moderne Kloster Gut Saunstorf nun geschlossen. Die meisten Menschen der Klostergemeinschaft arbeiten an und für diesen Ort – im Haus- und Gästebetrieb, im Veranstaltungs- und Verlagswesen, in der Verwaltung, für den Klosterladen, in therapeutischen Tätigkeiten.

In diesem Beitrag berichten vier Menschen der Gemeinschaft, wie es ihnen mit der Zeit des Lockdowns geht.

Lockdown als Reset

Der erste Lockdown, vor gut einem Jahr, war für mich eine gänzlich neue Erfahrung: Von einem Moment auf den anderen ist das Leben so wie es war, zu Ende! Keine Termine, keine Kunden, kein Einkommen, keine Reisen, kein Tanzen, kein Essengehen, kein Shopping, persönliche Menschenkontakte nur mit körperlicher Distanz.

Mit all den Einschränkungen kam auch eine Form der Entlastung und Erleichterung, Rückbesinnung auf das Wesentliche, ein Staunen über das was plötzlich möglich war (und ist) und ein innerliches und äußerliches Langsam werden.

Für mich war schnell klar, dass ich diese Zeit als eine Art Reset nutzen und schauen möchte, was lasse ich und was werde ich wie anders machen, wenn es wieder weiter geht. Es war für mich eine Zeit der Erneuerung.

Den zweiten Lockdown erlebe ich ganz anders: Ernüchtert! Dieses „Nicht Wissen“, lässt mich demütig werden. Den Moment nutzen – wer weiß…

So bin ich mit meiner Praxis nach Saunstorf gezogen, wage den Neustart. Nutze die Zeit, in der ich nicht arbeiten darf und vertiefe mein Wissen. Mit einem Praktikum in einer ayurvedischen Heilpraxis, Fachbücher lesen und Erfahrungsaustausch. Ich kümmere mich um meine Website und erlaube mir, mit der zur Verfügung stehenden Zeit tiefer zu schauen.

Nähe braucht Langsamkeit und für die habe ich jetzt Zeit und nehme sie mir ganz Bewusst. Immer wieder treiben sorgenvolle Gedanken mich innerlich an und weg und dann? Atmen, Innehalten, Fühlen und Schauen. Das ist für mich jetzt die Übung. Nicht immer leicht, doch in dieser Gemeinschaft an diesem Ort fühle ich mich getragen. Getragen in diesem Wunsch nach Innerlichkeit, Vertiefung und der Hoffnung, in diesem Innen zu bleiben bzw. jederzeit zurück kehren zu können, auch in der Zeit nach einem Lockdown. 

Petra S.

Eine Eremitin im Lockdown 

Es ist nichts los: gestern nicht, heute nicht, morgen auch nicht.

Plan A ist hinüber, Plan B ist ungewiss – weiter wollen wir nicht denken.

Der Geist dreht seine Runden, sein Notprogramm fährt hoch. In den ersten Wochen und Monaten wird so einiges hochgeschwemmt: Traurigkeit, nicht gefühlter Schmerz, Angst vor der Leere und dann das Angebot der Beruhigung, es gibt ja noch etwas zu tun, etwas sehr Wichtiges. Wir schreiben ein Buch, die Aus-Zeit hätte nicht besser dafür sein können.

Das Buch schreiben und andere Aufräumtätigkeiten, hin und wieder ein Zoom Treffen, eine kleine Fortbildung, ein Telefonat, selten auch mal eine Behandlung. Denn auch in dieser Zeit darf ich als Heilpraktikerin praktizieren. Es kommt nur fast niemand.

Zentral in dieser Zeit wird der tägliche Spaziergang, der sich mal rechtsherum durchs Dorf, mal linksherum durchs Dorf bewegt. Am Sonntag auch mal an die Küste. Zentral das tägliche Essen, die Mittagsruhe, das Ausklingen der Tätigkeiten am Abend, der Schlaf.

In der regelmäßigen Mittagsruhe entfaltet sich eine nie dagewesene, tiefe Entspannung. Es tut gut, den stillen Raum, der nachklingt, zu bezeugen. Alles dreht sich um in dieser Zeit. Was bisher wichtig erschien, verblasst.

Was übergangen wurde, weil ich dem keinen Wert gab, wird wesentlich, wird zum wahren Grund des Hierseins.

Das Buch schreibt sich wie von selbst zu Ende, es tut sich alles viel mehr von selbst. Die Hoffnung, der Lockdown möge bald zu Ende sein, wandelt sich in Sorge, er könne zu schnell zu Ende sein, ich könne zu schnell wieder wichtig werden mit all meinen Vorhaben. 

Kann ich der Eremitin in mir treu bleiben und den Verführungen des Geistes widerstehen? Der Einfachheit größeren Wert beimessen als der Vielheit? Seit 5 Monaten nirgends hingereist, andere verreisen wieder, ich bleibe. Der Drang wegzugehen, stirbt und zieht einiges mit in den Tod. 

Wie ist das möglich? Ich staune und verbeuge mich vor dem unfreiwilligen Stopp. 

In tiefer Liebe zum Lehrer, zur Sangha, zur Wahrheit.

Elvira S.

Potenziale entfalten sich „trotz Lockdown“

Die vielen Klostergäste im Oktober waren wie ein Segen für meine neu begonnene Heilarbeit im Therapeuten-Team von Gut Saunstorf. Im November dann ein jähes Ende dieser kraftvollen Welle – die Anordnung des 2. Lockdown.

Das war bitter und bedauerlich. Doch finde ich Frieden damit, indem ich die Zeit nutze um mich weiterzubilden. Ich bin auch froh und dankbar, dass ein gesunder Rhythmus von Meditation, Chi-Training, innerer Arbeit und Treffen der Klostergemeinschaft (natürlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln) möglich ist. Auch das ehrenamtliche „präsent sein“ und Helfen im Gutshaus und Kontor dient einem konstruktiven und strukturierten Tagesablauf.

Ich bezeuge ein kollektives Absinken der Energie, eine gewisse Schwere, den Tod. 

So nüchtern wie möglich, verfolge ich die Entwicklung auch über die Medien. Und nehme bei meinem Weihnachtsbesuch im Süden einen deutlichen Unterschied von Angstspannung in den Menschen wahr, als hier im Kloster.

Ich habe den Eindruck, dass dieser Ort eine gewisse Immunität gegen die kollektive Panikmache hat. Es ist möglich innerlich lebendig und im Fluss der Kraft zu bleiben.

Da heraus spüre ich den Impuls, die Heilsitzungen auch an die Klostergemeinschaft weiterzugeben. 

Was ich dann erlebe lässt mich staunen. Mitten in der Wüste fließen mir zutiefst berührende und heilsame Begegnungen mit Menschen zu, die mir sonst vielleicht verwehrt geblieben wären. Ich erlebe ein inneres Erblühen und tiefe Dankbarkeit für dieses Geschenk. 

Wie es sich ohne Lockdown entwickelt hätte, kann ich nicht sagen. Aber ich kann sagen, dass es meine Erfahrung ist, dass sich das Leben und neue Potenziale „trotz Lockdown“ auf wundersame Weise entfalten. Darin konnte ich ein nahes Vertrauen entwickeln und bin tief dankbar für den Ort der Stille.

Lea K.

Es fühlt sich an wie Winterschlaf

Diese Zeit fühlt sich für mich oft wie Winterschlaf an. Kein Termindruck, wohltuende Langsamkeit. In Ruhe schauen, was dran ist, Kraft sammeln. Bei der Meditation ist es sehr still und tief. Auf mich zurückgeworfen, auf mein Inneres.                                                                                                                 

Aber es gibt auch die Sehnsucht nach dem äußeren Leben, nach spontanen, unzensierten Kontakten, nach Treffen im großen Kreis. Eine Wunschvorstellung: ich sitze Kaffee trinkend auf einer Bank im Park, die Sonne wärmt, Weggefährten setzen sich dazu, wir reden und lachen zusammen…

Es ist ein Kraftfeld spürbar, das uns tragen wird, wenn die Klostergäste wieder dabei sein werden.

Birgit S.-M.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.